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Mild violence.



23. April 2003, 14.45 Uhr, Irgendwo in den Wäldern North Carolinas

Monica streckte sich gähnend ohne die Hände vom Steuer zu nehmen. Ihr fiel es schwer, die Augen offen zu halten und so trank sie einen Schluck Kaffee aus dem Pappbecher neben sich. Er war mittlerweile bereits kalt, aber so stark, daß er Tote wiedererweckt hätte. Angeekelt verzog sie das Gesicht.

„Soll ich fahren?“

John Doggett öffnete die Augen und sah sie fragen an.

„Es geht schon!“

„Kommen sie! Ich habe genau gesehen, wie sie gegähnt haben.“

Monica seufzte. „Sie haben doch genauso wenig geschlafen wie ich.“

Er setzte sich entschlossen auf. „Wir haben beide seit 36 Stunden nicht geschlafen. Lassen sie uns ein Motel suchen!“

„Aber es sind doch nur noch ungefähr 150 Meilen.“

Sie wußte jedoch, daß er recht hatte. Es fiel ihr von Minute zu Minute schwerer, sich auf die Straße zu konzentrieren. Obwohl wenig Verkehr war, war sie doch durch den Regen glitschig und die vielen Kurven erforderten höchste Aufmerksamkeit.

„Na gut. Suchen wir uns ein Motel. Vor ungefähr 5 Meilen habe ich ein Schild gesehen. Es müßte gleich eine Abfahrt kommen!“

Schon an der nächsten Abfahrt stand ein Schild, das ein Motel auswies. Monica fuhr den Waldweg hinein und bereits nach fünf Minuten standen sie vor einem zweistöckigen Haus mit den grün beleuchteten Buchstaben „Motel“ an der Tür.

„Etwas abgelegen zwar, aber ganz nett!“ beurteilte John nach genauerer Betrachtung. Monica öffnete ihre Tür.

„Mir ist alles egal, solange es ein Bett zum Schlafen gibt!“

Sie öffnete den Kofferraum und nahm ihre und Johns kleine Reisetaschen heraus. Sie hatten zwei Tage in Florida verbracht und einen Fall untersucht, bei dem eine Frau angeblich eine Art Meerjungfrau in den Sümpfen der Everglades beobachtet hatte. Tatsächlich waren bereits mehrere Menschen verschwunden. Nach einige merkwürdigen Vorkommnissen hatte sie ohne Leichen und ohne Mörder dagestanden und waren nun auf dem Rückweg.

Monica dachte noch immer darüber nach, wie sie diese kleine Reise wieder in ihrer Spesenabrechnung begründen sollten. Da es nicht einmal mehr Leichen gab, würde Kersh sie höchstwahrscheinlich mal wieder zur Schnecke machen, zumal dies nicht die einzige dieser Reisen gewesen war, bei denen sie ohne Ergebnisse zurückkamen.

Mit einem Knall schlug sie den Kofferraum zu und drehte sich dann zu John, der mittlerweile ausgestiegen und den Wagen abgeschlossen hatte. Er nahm seine Tasche und zusammen betraten sie dann das Motel. Ein einziger anderer Wagen parkte noch davor, was darum schließen ließ, daß sie aus den vielen Zimmern würden frei wählen können. Das lag vermutlich daran, daß es erst 15 Uhr nachmittags war.

„Guten Tag!“ rief John laut und aus einem kleinen Hinterzimmer hinter der Rezeption vernahm man ein lautes Scheppern. Monica und John warfen sich einen irritierten Blick zu. Zehn Sekunden später stürzte eine kleine, gehetzt aussehende Frau aus dem Zimmer.

„Ja bitte!“

„Wir hätten gerne zwei Zimmer…“

„Zwanzig Meilen weiter ist das nächste Motel. Möchten sie nicht vielleicht doch lieber weiterfahren?“

„Ähm…“ Monica schüttelte verwirrt den Kopf und warf John dann einen bedeutungsvollen Blick zu. „Nein, Ma’am, eigentlich hatten wir vor hierzubleiben! Wir machen ihnen keine Umstände, wir wollen nur ein bißchen schlafen!“

„Na schön… na schön…“ Nervös suchte die Frau in den Schlüsseln und reichte ihnen dann einen.

„Verzeihung, Ma’am… ZWEI Zimmer!“ betonte Monica, woraufhin sie einen weiteren Schlüssel bekam. Nachdem sie die Formulare unterschrieben hatten, gingen sie auf die Treppe zu.

„Erster Stock, die beiden Zimmer am Ende des Ganges!“ murmelte die Frau und verschwand wieder.

Die Zimmer waren sauber, aber spärlich eingerichtet. Viel mehr als ein Bett und einen Schrank gab es nicht. Sie hatten zwei gegenüberliegende Zimmer, in beiden war ein Fenster mit Blick auf den dunklen Wald. Monica fragte sich, wie ein Motel so tief im Wald sich überhaupt halten konnte, da es hier bestimmt kaum jemals volles Haus gab.

„Was halten sie von dieser Frau?“

Monica zuckte zusammen und fuhr herum. Sie hatte nicht gehört, wie John in ihr Zimmer getreten war.

„Ich weiß nicht. Sie erschien mir verängstigt. Als würde sie irgend etwas fürchten.“

„Mir erschien es eher, als hätte sie etwas zu verbergen!“ widersprach John doch Monica schüttelte den Kopf.

„Haben sie nicht bemerkt, wie sie immer wieder auf die Eingangstür starrte? Als würde sie jemanden erwarten. Aber ich stimme ihnen zu. Hier stimmt etwas nicht und vielleicht haben wir ja beide recht!“

John seufzte. „Was immer es ist, es hat noch etwas Zeit. Ich werde mich jetzt erst einmal hinlegen und ein paar Stunden schlafen.“

Monica sah, wie er die Tür hinter sich schloß und blickte dann wieder aus dem Fenster. Irgendwie hatte der Wald etwas Unheimliches an sich. Sie konnte eine deutliche Kälte spüren, die von ihm ausging.

Sie holte ihre Schachtel Zigaretten aus der Tasche und verließ dann ihr Zimmer. Als sie an die frische Luft trat, bemerkte sie erst, wie kühl es war. Ohne Mantel fror sie doch etwas und der feine Nieselregen war unangenehm. Trotzdem ging sie nicht wieder hinein. Sie steckte sich eine Zigarette in den Mund und zündete sie an.

Zwar hatte sie sich mittlerweile das Rauchen abgewöhnt, doch manchmal beruhigte sie es doch, eine zu rauchen. Langsam ging sie auf den Waldrand zu und blickte in das Dunkel hinein. Sie sah nichts als Schwärze und doch hatte sie das Gefühl, als ginge eine Bedrohung davon aus. Nervös zog sie an ihrer Zigarette und blieb eine ganze Zeit einfach lauschend stehen. Bis auf die Tropfen des Regens und das leichte Rauschen des Windes in den Bäumen über ihr konnte sie nichts hören.

Nachdem sie zu Ende geraucht hatte, warf sie die Kippe weg und ging die zwanzig Meter zum Haus zurück. Sie war gerade auf der Höhe des Autos angekommen, als sie aus dem Wald ein Schreien hörte. Es klang irgendwie hallend und unendlich weit entfernt, aber es war da. Das Schreien einer Frau, die unglaubliche Schmerzen zu haben schien.

Monica zog ihre Waffe heraus und entsicherte sie. Dann lief sie zum Wald zurück.

„HALLOOOO!“ rief sie, doch sie bekam keine Antwort. Auch das Schreien war verklungen. „Ich bin Bundesagentin! Wenn sie Hilfe brauchen, so geben sie mir bitte ein Zeichen!“

Sie lauschte beinahe fünf Minuten, doch sie bekam keine Antwort mehr. Entschlossen ging sie in den Wald hinein, als sie eine Stimme hörte.

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„Ms Reyes!“ Die Wirtin stürmte auf sie zu. „Ms Reyes, kommen sie zurück! Ich bitte sie!“

Monica sah die Wirtin an, dann warf sie einen letzten Blick auf den Wald und ging zurück.

„Haben sie das gehört?“ fragte sie die Frau, diese jedoch schüttelte den Kopf.

„Ich habe gar nichts gehört! Es ist gefährlich im Wald!“

„Warum? Was ist dort?“

„Es… ist vor ein paar Jahren etwas geschehen und seitdem geht niemand mehr hinein. Bleiben sie einfach hier!“ antwortete die Frau beinahe barsch und ging wieder zurück ins Haus. Monica sah ihr verwirrt nach und blickte dann wieder auf den Wald. Sie hatte deutlich die Angst in der Stimme der Wirtin gehört, als diese sie zurückgerufen hatte. Irgend etwas sehr merkwürdiges ging hier vor sich.

Erst jetzt bemerkte sie, daß sie beinahe völlig durchnäßt war. Müde und frierend ging sie schließlich ins Haus zurück. Nach einem ausgiebigen heißen Bad schlief sie schließlich erschöpft und müde ein.

 

 

23. April 2003, 21.57 Uhr, Motel „Deep Woods“

 

Es war bereits Dunkel als die junge Frau wieder erwachte. Nach der ersten Verwirrung darüber, wo sie sich befand, blickte sie auf ihre Uhr. Kurz vor Zehn. Gähnend richtete sie sich auf. Obwohl sie nur sechs Stunden geschlafen hatte, fühlte sie sich wunderbar erfrischt und ausgeschlafen.

Sie stand auf und zog sich an. Wie zufällig fiel ihr Blick aus dem Fenster und sie erstarrte. Dort hinten, irgendwo tief im Wald war ein weit entferntes Licht.

Hastig zog sie sich fertig an und verließ dann ihr Zimmer. Sie öffnete die Eingangstür und blickte in den Wald. Dort war es, das Licht. Winzig zwar, aber eindeutig.

„Machen sie die Tür zu!“ Die Wirtin kam angelaufen und warf die Tür zu. Jetzt reichte es Monica.

„Was ist hier los?“

„Das würden sie nicht verstehen!“

„Im Wald ist ein Licht!“

„Sie täuschen sich!“

Monica atmete tief ein, dann blickte sie die Frau ernst an. „Hören sie, ich und mein Partner sind Bundesagenten vom FBI! Wenn sie vor irgend etwas Angst haben, können wir ihnen vielleicht helfen!“

„Niemand kann mir helfen!“

„Geht es um das Haus im Wald? Werden sie von dem Bewohner bedroht?“

„Bitte, Ma’am. Halten sie sich daraus, sonst werden sie es bereuen! Wenn sie sich retten wollen, reisen sie so schnell wie möglich wieder ab!“

„Wir sind doch nicht die einzigen Gäste! Draußen steht noch ein Auto. Ich vermute, daß es nicht ihres ist, weil ich auch eine Garage gesehen habe und sie ihr Auto bei diesem Wetter wohl kaum draußen stehen lassen würden, wenn sie einen Unterstellplatz haben! Was ist mit diesem anderen Gast? Müßte er nicht auf verschwinden?“

Die Wirtin sah sie lange Zeit an, dann ganz unvermutet brach sie in Tränen aus.

„Ich habe ihn gewarnt! Ich habe ihm gesagt, er solle hier, bei dem Haus bleiben und so schnell wie möglich wieder abfahren, aber er wollte nicht auf mich hören!“

„Was ist hier passiert?“

Als die Frau vor lauter Schluchzen nicht mehr reden konnte, legte Monica ihr einen Arm um die Schulter und führte sie in den kleinen Essensraum an einen Tisch.

„Setzen sie sich und erzählen sie mir in aller Ruhe, was hier geschehen ist, Ma’am. Vielleicht können wir ihnen helfen!“

„Nein!“ schluchzte die Wirtin und schüttelte den Kopf. „Aber ich werde es ihnen erzählen. Bis vor zwei Wochen war das hier ein gutes Motel. Wir hatten zwar nicht viele Besucher, aber es reichte für unseren Lebensunterhalt aus. Es lag in einer schönen Gegend, der Wald war friedlich und hell und wenn man morgens früh aufstand, konnte man sogar die Vögel zwitschern hören. Wissen sie, mein Mann ist hier in der Nähe aufgewachsen und deshalb war es sein Traum, hier einmal ein Motel zu eröffnen. Vor zwei Jahren kamen wir aus Chicago hierher.“

„Was passierte vor zwei Wochen?“ fragte Monica und die Wirtin begann wieder zu schluchzen.

„Es begann eigentlich alles mit dem auftauchen dieses Mädchens. Eines nachts klopfte es plötzlich an unserer Tür und wir dachten, es wäre jemand, der spät noch ein Zimmer sucht. Als wir jedoch öffneten stand ein Mädchen vor unserer Tür, sie war vielleicht sechzehn Jahre alt und sie sah total zerlumpt aus. Das alleine wäre ja nicht merkwürdig. Es war ihre Kleidung. Sie trug ein weißes Hemdchen, nicht mehr, um die Taille mit einem Strick gehalten. Ihre Füße waren nackt und sie hatte überall Narben, am ganzen Körper. Auch Verbrennungen.

Mein Mann und ich dachten, sie wäre mißhandelt worden und entkommen. So nahmen wir sie mit hinein und ich kümmerte mich um sie. Ich machte ihr ein Bad und gab ihr neue Kleider. Das merkwürdigste jedoch war ihre Sprache. Wissen sie, ich habe noch nie einen Menschen so reden hören!“

„Inwiefern?“ Monicas Interesse war geweckt.

„Nun, sie benutzte Worte, die man bestenfalls heutzutage noch in Werken alter Autoren findet. Ihre Sprache, alles war irgendwie… anders. So redet heutzutage kein Mensch mehr. Nun, ich habe zunächst gedacht, sie wäre vielleicht in die Hände eines Perversen gefallen, der sie gezwungen hätte das zu tun, und sie stünde vielleicht noch so unter Schock, daß sie es nicht mehr anders könnte.“

„Aber so war es nicht?“

„Nein. Als ich am nächsten Morgen in ihr Zimmer kam, fand ich… Oh Gott…“ Sie schlug die Hände vor das Gesicht. „Ich habe so etwas noch nie gesehen. Sie war total verwest, fast nur noch ein Skelett. Als wäre sie schon lange tot!

Mein Mann hat dann im Garten ein Loch gegraben, um sie zu beerdigen und als er fertig war und sie noch unten tragen wollte, war sie verschwunden. Auf dem Bett lag nur noch Staub, wie von Asche! Und am gleichen Abend ist tief im Wald dieses Licht aufgetaucht. Manchmal hört man auch Schreie. Mein Mann und ein paar Gäste glaubten, es wäre vielleicht ein Schuppen, oder ein Haus, in dem der Perverse wohnte, der dem Mädchen so etwas angetan hatte. Also gingen sie los, um ihn herauszutreiben.“

„Warum haben sie nicht die Polizei gerufen?“ warf Monica ein und die Wirtin lachte bitter.

„Sie kennen meinen Mann nicht. Wenn irgendwo ein Unrecht vor seinen Augen geschieht, so fühlt er sich persönlich dafür verantwortlich, den Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Doch als sie an diesem Abend auszogen, hatte ich bereits ein merkwürdiges Gefühl. Mal ganz ehrlich, niemand kann einem Mädchen so etwas antun, wie es passiert ist. Das sie innerhalb von ein paar Stunden völlig verwest ist, meine ich! Ich hatte die Befürchtung, daß hier mehr im Spiel war, als nur die Phantasie irgendeines kranken Menschen. Nun, mein Mann und die beiden Gäste kehrten nicht zurück. Seit zwei Wochen sind sie verschwunden. Und immer wieder hört man Schreie aus dem Wald. Grauenvolle Schreie. Mehr und mehr Gäste wollten der Ursache auf den Grund gehen, doch keiner kehrte zurück. Gestern abend ging der letzte in den Wald. Der, nach dem sie wegen dem Auto fragten. Als sie heute nachmittag eintraten, hatte ich gehofft, er wäre es, doch…“ Sie brach wieder in Tränen aus.

Monica legte ihr die Hand auf die Schulter. „Machen sie sich keine Sorgen. Wir werden ihren Mann und die anderen finden!“

„Nein… bitte, gehen sie nicht in den Wald! Das Böse herrscht jetzt darin! Ich kann es fühlen! Jede Nacht! Bitte bleiben sie hier!“

„Sie brauchen sich überhaupt keine Sorgen zu machen. Mein Partner und ich sind solche Fälle gewöhnt. Wir beschäftigen uns mit dem Paranormalen! Ich bin sicher, wir können ihnen helfen!“

„Helfen wobei?“ erklang eine Stimme von der Tür und Monica drehte sich um.

„John!“ rief sie erfreut. „Ich glaube, wir haben hier doch einen Fall, den wir auf unserer Spesenabrechnung als Erklärung angeben können.“

Damit erzählte sie ihm, was sie von der Wirtin erfahren hatte. Als Bestätigung nickte die alte Frau nur immer wieder heftig mit dem Kopf.

„Also, wenn sie mich fragen, ich habe da eine Theorie: Möglicherweise handelt es sich hier um einen sogenannten Riß in der Zeit. Die merkwürdige Sprache des Mädchens und das verschwinden der Männer sprechen dafür!“ endete Monica schließlich ihren Bericht.

„Wollen sie meine Theorie hören? Vielleicht wohnt da auch wirklich nur ein Mensch in dieser Hütte! Die Männer waren keine Experten, und sind ihm vielleicht auch zum Opfer gefallen!“

„Aber John! Dieses Licht ist vor ein paar Wochen auf einmal aufgetaucht! Wollen sie mir sagen, daß das nur ein Zufall ist? Welcher Mörder wäre denn so dumm, gerade dann auffällig zu werden, wenn eines seiner Opfer geflohen ist? Nein, da ist irgend etwas passiert. Etwas, das durch dieses Mädchen ausgelöst wurde!“

„Na schön! Gehen wir nachsehen!“

„Jetzt?“ Die Stimme der Wirtin überschlug sich beinahe.

„Das Licht ist nur Nachts dort, nicht wahr? Wir werden der Sache auf den Grund gehen! Und sie werden sehen, daß wir es hier mit einem ganz natürlichen Phänomen zu tun haben!“

„Na schön…“ Monica überprüfte das Magazin ihrer Waffe, dann wandte sie sich der Wirtin zu. „Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen.“

 

Kleine Ästchen knackten unter ihren Füßen, während sie mit gezogenen Waffen auf das Licht zugingen. Immer wieder streiften sie nasse Büsche und bekamen deren feuchte Blätter ins Gesicht. Bereits nach zehn Minuten waren sie völlig durchnäßt. Nach einer halben Stunde konnte Monica ihre Füße nicht mehr spüren.

Immer näher kamen sie dem Licht, und immer klarer wurde ihnen, daß es sich hier nicht um das Licht eines Hauses handelte.

„Was um Himmels Willen ist das?“ Monicas Stimme war beinahe tonlos als sie direkt davor standen. Es war eine etwa ein Meter große Öffnung, beinahe wie ein Fenster. Dahinter war es hell und himmelblau. Sie sah ein kleines Dorf.

„Vielleicht ist es genau das, was sie gesagt haben. Ein Riß in der Zeit!“ John war ebenso verblüfft und Monica blickte ihn nachdenklich an. Dann, ganz langsam streckte sie ihre Hand aus und berührte den Kreis. Das Bild verschwamm wie Wasser, als wäre es lediglich ein Spiegelbild auf einem See.

„Monica, vielleicht sollten sie lieber vorsichtig sein.“

Da passierte es. In dem Moment, in dem Monica ihre Hand in die Fläche hineinstreckte, schrie sie auf.

„John, halten sie…“ Und dann war sie verschwunden, einfach in das Bild hineingezogen worden. Entsetzt starrte John auf das Bild. Es war nun wieder klar und scharf. Und er sah Monica auf der anderen Seite. Doch offenbar konnte sie ihn nicht mehr sehen…

 

Monica Reyes blickte sich langsam um. Ihr war nicht ganz klar, was mit ihr geschehen war, doch irgendwie ahnte sie es. Offensichtlich gab es tatsächlich eine Art Zeitstrom, der einen mitzog, sobald man damit in Berührung kam. Sie stand an einer kleinen Mauer in einer schmalen Sackgasse. Hinter ihr war nur Mauer. Sie fühlte vorsichtig daran entlang. Irgendwo mußte doch ein Weg zurück sein. Aber es gab keinen Weg.

Seufzend steckte sie die Waffe wieder an ihren Gürtel und ging dann langsam die Gasse entlang. Plötzlich öffnete sich vor ihr eine Tür und eine beleibte Frau kippte einen Eimer mit Abfällen auf die unebene Straße. Als sie Monica erblickte, begann sie schrill zu kreischen. Sofort öffneten sich sämtliche Fenster und Menschen sahen heraus. Als sie Monica erblickten entstand ein Tumult, dem die Frau gerne entkommen wollte. Also lief sie einfach aus der Gasse heraus.

Wenn sie recht hatte, war sie tatsächlich in einer völlig anderen Zeit. Dann mußte sie auf diese Menschen in ihrer Kleidung wie eine Außerirdische wirken. Als sie aus der Gasse heraustrat, stand sie inmitten eines kleinen Platzes. Sie mußte sich verstecken und am besten irgendwo andere Kleidung her bekommen.

Das Dorf in dem sie sich befand schien nicht groß zu sein. Tatsächlich schien es sich lediglich um eine Lichtung inmitten eines Waldes zu handeln, denn nach der Kirche kam nur noch eine große Wiese und dann Wald. Monica rannte auf das schützende Dickicht zu und ließ sich dann erleichtert gegen einen Baum sinken.

Sie mußte einen Weg zurück finden. Es mußte einen geben, denn wenn es sich tatsächlich um einen Riß in der Zeit handelte, dann mußte in dieser Zeit auch irgendwo die andere Seite des Risses sein. Und diesen Riß mußte sie finden wenn sie in ihre Zeit zurückkehren wollte.

 

 

Motel „Deep Woods“, 23.43 Uhr

 

Das Pärchen stieg aus dem Wagen und betrat das kleine Motel.

„Guten Abend!“ begrüßte die Wirtin sie und die Frau trat vor. Ihr langen, rötlichen Haare waren naß und strähnig von dem heftiger werdenden Regen.

„Hallo! Hätten sie wohl noch ein Zimmer für eine Nacht frei? Wir wollen morgen früh gleich weiter!“

„Sicher!“ Die Wirtin legte einen Schlüssel vor sie auf den Tresen und zog ein Formular heraus. „Ihre Namen bitte?“

„Patrick! Fox und Dana Patrick!“

„Mr. Und Mrs. Patrick. Ich wünsche ihnen eine Gute Nacht!“

„Vielen Dank, Ma’am!“

Damit gingen die beiden die Treppe hinauf. Lächelnd sah die Wirtin ihnen nach. Es war zu sehen, daß die beiden sehr verliebt ineinander waren. Außerdem fiel ihr der Größenunterschied auf. Mrs. Patrick war beinahe einen Kopf kleiner als ihr Ehemann. Sie hoffte nur, daß diese beiden Agents vom FBI es schafften, das Problem im Wald zu lösen.

 

 

Dorf in North Carolina, Zeit unbekannt

 

Monica betrat den kleinen Marktplatz. Sie wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, seitdem sie geflüchtet war, aber sie hatte es geschafft, aus einem herumstehenden Wäschekorb ein Kleid zu stehlen. Ihre Haare hatte sie notdürftig zu einem Zopf hochgesteckt. Da sie keine Schuhe hatte, lief sie barfuß, was zwar in diesem Dorf anscheinend nichts besonderes war, sie aber doch etwas störte wenn sie den Abfall auf den Straßen bedachte. Außerdem wußte sie nicht, wo sie übernachten sollte und sie hatte keine Ahnung, wie sie in ihre Zeit zurückkehren sollte.

Plötzlich hörte sie ein Kreischen hinter sich.

„AHH… da ist sie! Zu Hilfe! Hier ist die Hexe!“

Monica fuhr herum und sah die beleibte Frau, die sie zuvor schon in der Gasse gesehen hatte.

„Ma’am bitte!“ versuchte Monica die Frau zu beschwichtigen. „Ich kann ihnen das erklären! Ich bin bloß…“

„Fort von mir! Hinfort du Teufelsbrut!“

„Lassen sie mich doch erklären!“

Als sie Schwerter klirren hörte, fuhr Monica herum. Von der anderen Seite des Platzes kamen bewaffnete Männer auf sie zu. Sie überlegte nicht lange, denn ihr war klar geworden in welcher Zeit sie sich befand. Sie floh in eine Gasse, mit dem deutlichen Nachteil, daß sie sich, im Gegensatz zu den Wachen, in diesem Dorf überhaupt nicht auskannte.

Anscheinend war sie in der Zeit gelandet, in der der Hexenwahn an der Ostküste seinen Höhepunkt hatte. Aus Geschichtsbüchern wußte sie, daß die Menschen zu dieser Zeit ohne nachzudenken, Frauen angeklagt und nach einem Schauprozeß als Hexen verurteilt und hingerichtet hatten. Die Frauen waren meistens ledige Mädchen, die keinen Mann fanden, Frauen mit Kräuterwissen oder solche, an denen irgend etwas unbekanntes war.

Beinahe panisch drückte sich Monica in eine kleine Nische zwischen zwei Häusern. Wenn man sie fand, bevor sie in ihre Zeit zurückkehren konnte, dann hatte sie das Schlimmste zu befürchten. Lange kauerte sie einfach da, ohne sich zu bewegen. Die Kälte durch das Kleid und ihre Gelenke wurden steif.

Endlich, als es bereits zu dämmern begann, wagte sie es, wieder aus ihrem Versteck herauszukommen. Die Menschen würden angenommen haben, daß sie aus dem Dorf in den Wald geflohen war. Sie kroch durch die schmale Öffnung auf die Gasse hinaus. Ihr Gesicht war Dreck verschmiert, ebenso ihre Hände.

„Hier ist sie!“

„Oh verdammt!“ Monica drehte sich nicht um. Sie floh einfach kopflos in die entgegengesetzte Richtung. An der nächsten Abzweigung jedoch prallte sie direkt gegen einen Mann in Rüstung und fiel zu Boden. Ein Schmerz zuckte durch ihren Körper als der Mann sie an den Haaren hoch riß.

„Haben wir wieder eine deiner Sorte erwischt!“ zischte er und aufgrund der Abzeichen an seiner Brust wurde ihr klar, daß er höher gestellt sein mußte.

„Lassen sie mich los… ich bin keine Hexe! Sie tun mir weh!“ Statt auf sie einzugehen, wurde sie noch fester gepackt.

„Bringt sie ins Verließ. Und meldet den Bewohnern, daß sie jetzt wieder sicher sind!“

„Hören sie mir zu…!“ Monica war verzweifelt. Wenn ihr Partner sich nichts einfallen ließ, dann würde sie hier, in einer Zeit in die sie gar nicht gehörte, als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden.

 

 

Motel „Deep Woods“, 24. April 2003, 4.43 Uhr

 

Es war bereits am dämmern. Die Sonne ging auf, als John Doggett atemlos das Motel wieder erreichte. Er hatte alles untersucht. Den gesamten Bereich des Risses mit Steinen markiert und nach einem möglichen Rückweg für Monica gesucht.

Offensichtlich konnte sie nicht zurück und das hieß, er mußte irgend einen Weg finden, sie herauszuholen. Dabei jedoch brauchte er Hilfe und ihm fiel nur eine einzige Person ein.

Unsanft riß er die Tür des Motels auf. Es brannte Licht, die Wirtin war noch wach. Erleichtert atmete sie aus, als sie John sah.

„Dem Himmel sei Dank, sie sind zurück!!!“

„Ja, aber meine Partnerin braucht Hilfe! Kann ich telefonieren?“

„Bitte!“ Die Frau reichte ihm ein Telefon. „Haben sie etwas gefunden?“

„Ja…“ Er wählte die Privatnummer von Assistant Director Skinner.

„Was ist denn hier für ein Lärm?“ erklang plötzlich von oben eine Stimme.

„Wir haben neue Gäste!“ erklärte die Wirtin John und er nickte nur verstehen mit dem Kopf. Mr. Patrick kam die Treppe herunter.

„Skinner!“ meldete sich eine verschlafene Stimme und John wollte gerade anfangen zu reden, als er sich wie beiläufig zur Treppe drehte und den neuen Gast sah. Fassungslos ließ er den Hörer sinken.

„Hallo? Wer ist denn da?“ hörte er Skinners Stimme als der Hörmuschel des Telefons und legte schließlich auf.

Fox Patrick blickte ihn genauso perplex an.

„Kennen sie sich?“ fragte die Wirtin verwundert und John wich aus.

„Nein,… ähm… ja, wir haben uns vor ein paar Jahren mal in der Stadt getroffen!“

Fox Patrick drehte sich um und ging die Treppe wieder hinauf. John rannte ihm nach.

„Mr. Patrick!“ Oben an der Treppe holte er ihn ein. Der Mann blickte ihn beinahe wütend an.

„Kennen wir uns?“

„Ich bitte sie… Mulder!“ sagte er leise.

„Ich glaube, sie verwechseln mich mit jemandem!“

John sah ihn fassungslos an. Nun öffnete sich die Tür und die Frau trat heraus.

„Fox, was machst du denn für einen Krach… Oh mein Gott!“ Sie ging auf John zu. „John Doggett!“ wisperte sie und umarmte den Mann. Fox Mulder billigte es einen Moment, dann zog er seine Frau mit sich zurück in sein Zimmer.

„Bitte lassen sie uns in Ruhe, Mr. Doggett!“

Damit schloß er die Tür.

„Was soll den das?“ Dana funkelte ihn an.

„Wir sind tot! Erinnerst du dich?“

„Ja! Aber John Doggett weiß sowieso, daß wir damals aus den Ruinen entkommen konnten! Außerdem konnten wir ihm immer vertrauen!“

Jetzt klopfte es an der Tür. „Sie schickt der Himmel. Ich brauche ihre Hilfe! Es geht um Monica!“

Mulder machte keine Anstalten, der Bitte von John Doggett nachzugehen. Dana verschränkte die Arme.

„Er braucht unsere Hilfe!“

„Ich dachte, du freust dich, daß wir endlich ein normales Leben führen! Du wolltest doch immer, daß ich vom FBI loskomme! Und jetzt gefährdest du das alles, weil du ihm helfen willst!“

„John und Monica waren immer unsere Freunde! Sie haben mir so oft den Hals gerettet und auch dir! Wenn sie uns nicht damals gewarnt hätten, wären wir vermutlich wirklich jetzt tot! Denkst du nicht, sie haben es verdient, daß wir ihnen helfen, wenn sie uns brauchen?“ konterte Dana und küßte ihn sanft.

„Ich will nicht mit dir streiten. Aber laß uns doch erst einmal anhören, was er zu sagen hat!“ Fox seufzte. Er konnte seiner Frau einfach nichts abschlagen.

„Na schön, Mrs Patrick!“ Damit öffnete er die Tür. „Kommen sie herein!“

Nachdem John eingetreten war, schloß Mulder die Tür wieder.

„Was machen Sie beide denn hier? Ich dachte, sie wären längst in Canada oder Mexiko!“

„Das waren wir auch! Aber mit der Hilfe ein paar alter Freunde haben wir neue Identitäten bekommen. Der Praktikant der Lone Gunmen, Jimmy und seine Freundin Ives…. sie erinnern sich doch bestimmt noch an die Beiden!“ erklärte Dana und John nickte.

„Ja!“

„Jimmy und Ives haben die Aufgaben ihrer Vorgänger übernommen.“ erklärte Mulder. „Aber jetzt genug davon. Sie brauchten unsere Hilfe?“

Und dann begann John zu erzählen…

 

 

Dorf in North Carolina, Gefängnis, Zeit unbekannt

 

„Lassen sie mich los! Ich habe nichts getan!“

Monica Reyes wehrte sich aus Leibeskräften, während sie durch die dunklen Gänge des Gefängnisses in den Kellergewölben des Rathauses gezerrt wurde.

„Dir werden wir den Teufel schon austreiben! Hexe!“

Monica versuchte vergeblich, an ihre Waffe heran zu kommen. Sie hatte sie unter dem unpassenden Kleid versteckt. Das war leichtsinnig gewesen, doch nun war es zu spät.

Nach einem scheinbar endlos langem Weg durch das Rathaus und die feuchten und dunklen Gänge, stießen die Männer eine schwere Holztür auf. Sie traten in einen großen dunklen Raum. An der Wand hing nichts als ein paar Kerzen und das heilige Kreuz Christi.

Monica erkannte sofort was dies war. Eines der typischen Inquisitionsgerichte, die zwar illegal waren, die aber doch jeder Bürgermeister betrieb. Auch das wußte sie aus ihren Geschichtsbüchern.

Sie versuchte, sich loszureißen, doch die Männer waren in der Überzahl. Selbst wenn sie es schaffen würde, hätte sie wohl kaum eine Chance zu entkommen.

Einer der Männer drückte sie etwa zwei Meter vor dem schweren Holztisch, der als Platz für den Richter diente, auf den Boden und band ihre Hände mit einem Strick zusammen. Monica wehrte sich verbissen, mußte dann aber doch schließlich aufgeben, als einer der Männer sie mit aller Kraft ins Gesicht schlug.

„Halt still, du Hure!“

Nun betraten weitere Männer den Raum – die Mitglieder des Inquisitionsgerichtes. Der Mann, der ihr zuvor schon wegen seiner Abzeichen aufgefallen war, nahm genau in der Mitte Platz. Er schien der Bürgermeister zu sein.

Monica hockte auf dem Boden und richtete sich nun gerade auf. Ihre Wange brannte, doch sie wollte sich auf keinen Fall die Blöße geben, vor diesen Männern Schwäche zu zeigen.

„Wie ist dein Name?“

„Ich bin Monica Reyes und gehöre dem Federal Buro of Investigation an!“

„Deine Worte sind genauso falsch wie deine Kleidung! Das hier…“ Er hob ein Teil von Monicas eigentlicher Kleidung hoch. „…haben wir im Wald gefunden. Es gibt eine Zeugin, die dich darin gesehen hat!“

Monica schwieg. Was sollte sie sagen? Widersprechen konnte sie nicht und zustimmen hielt sie für überflüssig.

„Wir wollen jetzt wissen, welche Frau deine Lehrmeisterin war!“

„Was?“

„Wer hat dir die Kunst des Hexens beigebracht… von anderen Künsten gar nicht zu reden!“

„Ich bin keine Hexe, das sagte ich bereits!“ Monica blickte dem Mann fest in die Augen. Sie überlegte, ob sie versuchen sollte, zu erklären, wie sie in dieser Zeit gelandet war, entschied dann jedoch, daß es überflüssig war. Die Männer würden ihr nicht glauben und sie statt dessen erst recht für eine Hexe halten. Es war besser, völlig unauffällig zu erscheinen.

„Daß du eine Hexe bist, wissen wir… ich will wissen, von wem zu es gelernt hast!“ Der Bürgermeister erhob sich nun und ging um den schweren Eichentisch herum. Die Kerzen auf diesem Tisch gaben dem Raum eine beinahe gespenstische Atmosphäre.

„Wer…“ Er faßte Monica unter dem Kinn. „…hat es dir beigebracht? Wenn du es mir sagst, dann werde ich dafür sorgen, daß du vor deiner Hinrichtung ein kleines Fläschchen mit Gift erhältst.“

„Was?“ die Frau erbleichte.

„Du glaubst doch nicht, daß du am Leben bleibst, oder? Deine Brut kann man nur ausrotten, indem man sie verbrennt!“ rief nun einer der anderen Richter dazwischen.

„Hören sie zu, ich schwöre bei Gott, ich bin keine Hexe!“ Monica geriet in Panik. Was, wenn John keinen Weg fand, sie zurückzuholen? Sie war naiv gewesen, wenn sie geglaubt hatte, durch unauffälliges Erscheinen könne sie diesen Männern entkommen.

„Gestehe, und du bekommst dein Gift!“

„Niemals! Ich bin keine Hexe!“

„Na gut!“ Der Bürgermeister erhob sich. „Du hast es dir so ausgesucht.“ Er nahm eine der Kerzen und spielte wie beiläufig damit herum. Dann plötzlich packte er die Frau an den Haaren und hielt sie fest. Immer näher brachte er die Kerzenflamme an ihr Gesicht.

„Bitte…“ Monicas Stimme zitterte. „Denken sie doch nach… wenn… wenn… wenn ich eine Hexe wäre, dann könnte ich mich jetzt befreien.“ Ihre Stimme bebte vor unterdrücktem Schluchzen.

„Ja, das willst du mir glauben machen, damit ich dich freilasse und du weiter Unheil treiben kannst! Aber das wird nicht funktionieren! Ich habe dich durchschaut!“

„Bitte nicht…“ Monica konnte die Hitze der Kerzenflamme deutlich an ihrer Wange fühlen. Plötzlich jedoch zog der Mann sie weg.

„Die Hitze des Feuers wirst du noch früh genug kennen lernen.“ Damit drehte er sich zu den Richtern um. „Fangen wir mit dem Verhör an!“

Zwei der Männer verschwanden, die anderen blieben still an ihren Plätzen. Monica kauerte am Boden. Eine stumme Träne lief über ihre Wange. Sie hätte sie gerne abgewischt, doch ihre Hände waren noch immer gefesselt. So hatte sie auch keine Chance, ihre Waffe zu erreichen.

Eine tiefe Verzweiflung machte sich in ihr breit und zum ersten Mal erkannte sie die Aussichtslosigkeit ihrer Lage. Selbst wenn John einen weg in diese Welt finden würde, er würde nie wissen, wo sie war.

In diesem Moment kamen die beiden Männer zurück. Sie trugen ein schweres Gerät und Monica erkannte sofort was es war. Daumen- und Fußschrauben.

Und dann begann sie zu schreien. Sie sprang auf und versuchte in blinder Panik und Verzweiflung zu fliehen, was jedoch völlig unmöglich war. Die Männer packten sie wieder und zerrten sie zurück. Sie sagten kein Wort, lediglich Monicas Schreie hallten in dem dunklen Keller wider.

 

 

Motel „Deep Woods“, 5.35 Uhr

 

Als John seinen Bericht geendet und alle Fragen beantwortet hatte, war es draußen bereits hell. Ungeduldig wartete er auch einen Kommentar, eine Beurteilung oder irgend etwas ähnliches, was ihm weitergeholfen hätte. Als Dana und Fox sich einfach nur ansahen, platzte ihm schließlich der Kragen.

„Haben sie irgendeine Idee?“

„Nun…“ begann Fox. „Ich habe in den X Akten niemals so etwas erlebt. Auch einen Präzedenzfall gibt es meines Wissens nach nicht. Aber ich habe eine Theorie. Sie ist vage und ich weiß nicht ob es funktionieren wird.“

„Was ist es?“

„Nun, Monica wurde durch die Tür gezogen, aber sie kann nicht zurück! Möglicherweise wurde die Tür von der anderen Seite aus geöffnet. Deshalb schloß sie sich dort auch wieder Ordnungsgemäß. Doch hier ist ein Riß entstanden, deswegen kann sich die Tür hier nicht mehr schließen. Sie öffnet sich auf der anderen Seite aber für den Bruchteil einer Sekunde, wenn jemand oder etwas hindurchkommt. Also müssen wir sie irgendwie offenhalten.“

„Wie denn?“ Dana sah ihn verwirrt an. „Alles wird doch sofort hindurch gezogen!“

Mulder Blick wanderte im Zimmer umher. Dann plötzlich griff er nach einem Seil am Boden. Es war ein starkes Seil, bestimmt sechs Zentimeter dick.

„Damit könnte es gehen. Wir binden es auf dieser Seite an einen Baum. Wenn meine Theorie stimmt, dürfte es dann nicht hindurch gezogen werden, weil der Baum zu groß ist! Trotzdem muß aber noch jemand durch die Tür, um Monica zurückzuholen. Und wenn meine Theorie dann falsch war…“

„…dann sitzen zwei Menschen in der Vergangenheit fest!“ beendete John Doggett seinen Satz und Fox nickte ernst. John sah eine Weile zwischen den beiden hin und her, dann nahm er das Seil.

„Vielen Dank!“

Er machte Anstalten zu gehen, doch Dana hielt ihn auf.

„John, sie können das nicht alleine durchziehen!“

„Ich will sie beide dort nicht mit hineinziehen!“

„Aber sie schaffen es vielleicht nicht alleine!“ stimmte Mulder zu. „Wir werden ihnen helfen!“ Er legte dem Mann die Hand auf die Schulter. „Sie haben mir und Dana das Leben gerettet. Das ist das mindeste, was wir für sie tun können!“

John sah ich und Dana dankbar an. Schließlich klatschte Mulder in die Hände. „Also, laßt uns gehen. Dana, kommst du mit uns?“

„Natürlich!“

Sie verließen mit dem Seil zusammen das Zimmer und gingen die Treppe hinab. Als sie aus dem Motel heraustraten und Richtung Wald gingen, hörten sie plötzlich einen schrecklichen Schrei.

„Monica!“ John begann zu rennen und die beiden Anderen folgten ihm. Ohne Zweifel, die Schreie kamen von Monica Reyes.

 

 

Dorf in North Carolina, Gefängnis, Zeit unbekannt

 

Monica Reyes wehrte sich nicht, als die Männer sie einfach in den kleinen Kerkerraum warfen. Hart fiel sie auf den Steinboden und blieb einfach liegen. Es war ihr vorgekommen wie Wochen, doch in Wirklichkeit war es noch nicht einmal wieder hell. Die letzten Stunden waren eine Hölle aus Schmerz gewesen. Sie wußte nicht, ob sie die Nacht überhaupt überlegen würde.

Kraft zu Weinen hatte sie schon lange nicht mehr. Ein paar mal hatte sie einfach das Bewußtsein verloren, doch man hatte ihr einfach kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet.

Sie hatte bereits ziemlich am Anfang des Verhörs gestanden, eine Hexe zu sein. Diese Männer konnten keine Menschen sein, denn sie hatten sie trotzdem weiter gefoltert, wollten immer neue Dinge von ihr wissen. Fragen, auf die sie die Antwort nicht kannte, da es nur eine richtige gab.

Sie wußte nicht mehr, was sie alles gestanden hatte, sie wußte nur, daß es ihren Tod bedeutet hatte.

Doch auch das war ihr mittlerweile egal. Sie wünschte sich beinahe zu sterben. Wie oft hatte sie sich in den letzten Stunden gewünscht, irgend einer von den Männern möge sie einfach umbringen.

Leider hatten die Männer ihre Waffe gefunden, so war ihr auch diese Option nicht mehr geblieben.

Nach langer Zeit hob sie langsam und unter Schmerzen den Kopf. Mit einer Hand berührte sie ihr geschwollenes Auge und sog sofort die Luft vor Schmerzen ein. Die stechenden Schmerzen, die nun folgten kamen nicht nur vom Auge, sondern auch aus ihrer Hand.

Jetzt erinnerte sie sich vage an die Daumenschraube. Auch ihre Hand war geschwollen. Ihren Daumen konnte sie gar nicht mehr bewegen. Langsam versuchte sie, sich an der kalten Steinwand aufzurichten, schaffte es jedoch nicht. Ihre Beine wollten das Gesicht ihres Körpers nicht mehr tragen. Ihr linker Fuß war, ebenso wie ihr Daumen angeschwollen. Jede noch so kleine Bewegung verursachte höllische Schmerzen. Sie zog das dünne weiße Gewand eng um ihren Körper und zitterte. Sie blickte einfach apathisch in die Dunkelheit.

Das fahle Mondlicht, das durch ein kleines vergittertes Fenster hereinschien, erhellte die Zelle nur sehr wenig. Monica erkannte in einer Ecke zwar etwas Stroh, doch sie war zu schwach, um sich dorthin zu begeben.

„Monica?“

Die Frau öffnete die Augen leicht. Sie hatte nicht gemerkt, wie sie abgedriftet war. Sie hatte Johns Stimme gehört. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Es gab so vieles, was noch ungesagt zwischen ihnen war. Und nun würde sie nie mehr die Chance haben, es ihm zu sagen.

Sie schloß die Augen wieder. Wenn doch seine Stimme bei ihr bleiben könnte, bis sie stürbe.

„Monica!“

Wieder öffnete sie die Augen. Sie bildete sich die Stimme nicht ein.

„John?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein schwaches Flüstern. „John!“ versuchte sie lauter zu werden. Da war jemand vor dem Fenster. Jetzt begannen die Schritte, sich zu entfernen.

„Nein… nein, gehen Sie nicht weg!“ schluchzte die Frau. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und zog sich am Gitter des Fensters hoch. Der Schmerz, der durch ihre Gelenke und besonders ihren Knöchel zuckte, war so stark, daß sie aufschrie.

„Monica!“ John rannte zurück zum Fenster. Er erschrak, als er seine Partnerin erblickte. „Oh Gott!“

„John… helfen sie mir… bitte! Die bringen mich um!“

„Monica, ich hole sie da raus. Keine Angst.“ Er rüttelte an den Gitterstäben, versuchte alles, um sie zu lösen, doch es war hoffnungslos.

„Bitte… John… helfen sie mir…“ Monica konnte nur noch schluchzen. John sah sich um.

„Ich komme gleich wieder! Keine Angst!“

Als er Anstalten machte, wegzugehen, begann Monica zu schreien.

„Nein… gehen Sie nicht! Ich bitte sie! Die bringen mich um! Bitte!“

„Monica!“ Der Mann versuchte sie zu beruhigen und legte sanft seine Hand auf ihren Mund. Dann strich er leicht über ihre verschmutzt Wange und durch ihre Haare. „Monica! Ich verspreche ihnen, ich bin gleich zurück. Aber ich kann das Gitter nicht ohne Hilfe aufbrechen.“

„John…“

Der Mann strich noch einmal zärtlich durch ihre Haare und verschwand dann. Mutlos sank Monica wieder an der Wand hinab. Auf dem Boden blieb sie liegen und schloß die Augen. Nicht einmal die Kälte machte ihr mehr etwas aus.

Wenigstens hatte sie John ein letztes Mal gesehen.

Ein lautes Krachen schreckte sie plötzlich auf. Steine und Staub fielen auf sie herab und sie mußte husten.

„Monica!“

Als jemand sie hochzuziehen versuchte, schrie sie auf. Sie erblickte ein großes Loch in der Steinmauer.

John hatte durch Zufall auf dem Weg zurück das Waffenlager des Dorfes mit Sprengstoff gefunden.

„Kommen sie! Gleich wir jemand kommen!“ drängte er sie und half ihr aufzustehen. Kurs darauf wurde ihm jedoch klar, daß sie unmöglich imstande war zu laufen. Sie sackte zu Boden zurück, sobald er sie los lies. Entschlossen hob er sie schließlich auf seine Arme.

Monica glaubte, zu sterben. Sie fühlte nichts mehr außer unsäglicher Schmerzen. Schließlich jedoch setzte John sie ab.

„Monica, greifen sie nach dem Seil!“ befahl er sanft. Kaum hatte die junge Frau das Seil ergriffen und die Tür berührt, fühlte sie sich, wie schon einmal zuvor durch einen mächtigen Sog mitgezogen. Dann wurde sie ohnmächtig.

 

 

Motel „Deep Woods“, 8.59 Uhr

„Wie geht es ihr?“ John stürzte beinahe auf Dana zu, als diese aus dem Zimmer trat. Die Frau hatte einen ernsten Gesichtsausdruck.

„Sie muß so schnell wie möglich in ein Krankenhaus. Sie hat Prellungen, zwei Rippen sind gebrochen und eine Quetschung am Daumen. Ihr Fußknöchel ist wahrscheinlich mehrmals gebrochen, außerdem hat sie Fieber.“

„Kann ich zu ihr?“

„Natürlich! Ich werde einen Hubschrauber bestellen, der sie ins Krankenhaus fliegt!“

„Wo ist Fox?“

„Er versucht gerade, der Wirtin zu erklären, daß ihr Mann wahrscheinlich ebenfalls Opfer der Inquisition wurde.“ sagte Dana traurig und ging dann zum Telefon.

 

 

Eine Woche später

 

Als es an der Tür klopfte, blickte Monica von ihrer Zeitschrift auf und ihre Augen strahlten, als John hereintrat.

„Hallo!“ begrüßte er sie und sie lächelte.

„Hi!“

„Wie geht es Ihnen?“

„Gut!“ erwiderte sie und blickte verwundert auf die Süßigkeiten, die er neben sie stellte.

„Das habe ich ihnen mitgebracht.“

„Dankeschön!“ Erfreut blickte sie auf die kleine Schachtel.

John wurde ernst. „Dana sagte mir, daß sie die Psychologin in der zweiten Sitzung fortgeschickt haben!“

„Ja!“ Monica nickte. „Ich weiß, Sie denken alle, daß ich schreckliches durchgemacht habe, und ohne psychologische Betreuung nicht darüber hinwegkäme, aber so ist es nicht. Ich brauche nur Zeit. Ich möchte nicht alles noch einmal durchmachen. Einige Dinge vergißt man besser anstatt sie noch einmal zu durchleben.“

Sie sahen sich eine ganze Zeit nur stumm an, dann räusperte Monica sich.

„Und, was hat Kersh zu ihrem Bericht gesagt?“

„Nun, er war wie immer mies drauf, nachdem er ihm gelesen hatte.“

„Aber diesmal hatten sie doch einen Beweis! Das Zeittor im Wald!“ warf Monica ein, doch John seufzte.

„Schön wäre es. Fox und Dana haben festgestellt, daß es sich ganz langsam zu schließen begann. Es hat sich sozusagen selbst repariert. Langsam zwar, aber stetig. Jetzt ist es ganz verschwunden.“

„Wie ist es denn geöffnet worden?“

„Auch das wissen wir nicht. Fox hat aber eine Theorie. Er vermutet, daß das Mädchen, welches ganz als erstes bei dem Gasthaus aufgetaucht ist, ebenfalls als Hexe angeklagt und gefoltert worden war. Nur zufälligerweise war sie eine wirkliche Hexe. Sie muß auf die Idee gekommen sein, aus ihrer Zeit zu fliehen.“

„Aber sie ist doch tot! Sie zerfiel zu Staub!“

John räusperte sich. „Das führte Fox auf den Zeitsprung zurück. Reisen in die Vergangenheit bleiben ohne direkte Folgen für die Person. Reisen in die Zukunft jedoch wirken sich auf die Person aus. In unserer Zeit wäre sie ja längst tot gewesen. Deshalb starb sie. Ich halte diese Theorie für ziemlich aus der Luft gegriffen. Ich glaube auch nicht an Hexen. Daher habe ich das bei Kersh ausgelassen!“

„Dann stehen wir wieder mit leeren Händen da?“

„Ja, leider!“ Es war John anzusehen, wie sehr ihm das mißfiel.

„Vielleicht ist es besser so!“ murmelte Monica. „Es waren zwei völlig verschiedene Welten. Ich glaube es ist gut, daß es keine Verbindung mehr zwischen ihnen gibt.“ Sie seufzte. „Sie glaube gar nicht, wie sehr ich mich nach Kershs Wutausbrüchen sehne!“

John folgte ihrem Blick auf ihren Gipsfuß.

„Leider sagte der Arzt, daß es noch drei Wochen dauert, bis ich wieder arbeiten darf. Und dann für den Anfang auch nur Innendienst.“

„Sie hatten Glück, daß der Fuß nicht ganz zerschmettert war!“ erinnerte John und sah sie dann ernst an. „Ich hatte Angst, sie würden sterben, als ich sie im Kerker sah.“

„Ich auch!“ Monica senkte den Blick. „Und wenn ich ehrlich bin, wollte ich es auch. Wenn ich in dem Moment meine Waffe gehabt hätte, weiß ich nicht, was geschehen wäre. Jetzt erscheint mir das natürlich völlig abwegig!“

„Sie standen unter enormen psychischem Streß und unter Schmerzen. Eine solche Reaktion ist vollkommen normal!“

Beide schwiegen eine Weile. Dann hob Monica den Kopf.

„Ich habe mich noch gar nicht bei ihnen bedankt. Sie haben mir das Leben gerettet!“

„Nun, eigentlich haben Fox und Dana auch ihren Teil dazugetan!“ winkte er ab.

Schließlich erhob er sich. „Ich muß wieder gehen. Skinner möchte mit mir sprechen und ich befürchte, das bedeutet nichts gutes! Möglicherweise ahnt er, wer Mr und Mrs Patrick in Wirklichkeit sind.“

„Viel Glück!“ rief Monica lachend.

Nachdem John den Raum verlassen hatte blickte sie ärgerlich auf sich selbst auf ihre Zeitschrift. Das Erlebnis im Kerker hatte ihr doch gezeigt, wie schnell einem der Tode nah sein konnte. Und damals hatte sie bereut, John nie gezeigt zu haben, wie sehr sie ihn liebte. Sie hatte eine zweite Chance vom Schicksal bekommen… eine dritte würde es vielleicht nicht geben.

Entschlossen warf sie die Decke zurück und griff nach den Krücken, die neben dem Bett standen. Etwas durch ihren geschienten Daumen verhindert, humpelte sie so gut es ging auf den Krücken zur Tür und trat heraus.

„JOHN!“ rief sie dem Mann hinterher und dieser fuhr herum. Monica hüpfte zu ihm. Sie beachtete die ärgerliche Schwester und ihren Kommentar „Miss Reyes, sie sollen doch nicht aufstehen!“ gar nicht. John lief ihr entgegen und stützte sie.

„Was machen sie denn?“

Sie schnappte nach Luft um wieder zu Atem zu kommen. „Ich mußte ihnen unbedingt noch etwas sagen! Ich liebe sie, John. Wenn man dem Tode nah ist, kommt einem zu Bewußtsein, was man in seinem Leben bereut und ich habe bereut, es nie gesagt zu haben.“

Bevor sie weitersprechen konnte, legte sich sein Mund auf ihre Lippen.

Die Schwester, die gerade hinter Monica getreten war, wollte eigentlich eine Schimpftirade von sich geben, schwieg dann aber doch rücksichtsvoll.

Als John die Frau freigegeben hatte und die beiden sich nur anblickten, tippte die Schwester Monica leicht an.

„Miss Reyes! Sie wissen doch, sie dürfen noch nicht aufstehen!“

Sanft zog sie Monica zurück in Richtung des Zimmers. John sah ihr nach, dann drehte er sich abrupt um und ging. Monica seufzte. Vermutlich mußte er erst einmal darüber nachdenken, was gerade geschehen war.

Aber sie zweifelte nicht mehr daran, daß es richtig gewesen war, was sie getan hatte. Alles würde gut werden. Die Vergangenheit hatte ihr und John schließlich eine Zukunft geschenkt.

 

Ende