Rating: PG-13

Violence, Mild Sexual Situations.

 Kategorie: MSR, DRR (Mulder/Scully; Doggett/Reyes)
Zusammenfassung: Die Teams untersuchen merkwürdige Vorkommnisse auf einer seltsamen, einsamen Insel an Halloween.

Special Agent Dana Scully seufzte gequält, als am Horizont Land sichtbar wurde. Das kleine Boot flog über die Wellen, dem kleinen Stückchen Land entgegen.

Sie drehte sich herum und blickte ihren ehemaligen Partner Fox Mulder strafend an. Er blickte mit seinem typischen ‚Ich-weiß-gar-nicht-was-sie-haben‘ – Blick an und deutete nach vorn.

Scully wendete ihre Aufmerksamkeit wieder der nahenden Insel zu.

Mit den Worten „Ich habe etwas, was sie interessieren wird!“ war Mulder heute morgen über sie hergefallen. Sie hatte gerade gefrühstückt, als er an der Tür klingelte. Wie hatte sie sich von ihm überreden lassen können, William zu ihrer Mutter zu bringen und aufgrund einer Legende zu dieser Insel aufzubrechen?

Wenig später konnte sie einen Fuß auf den Sand setzen. Er war weiß und grob.

„Mulder… was machen wir hier? Wir sind extra nach England geflogen um diese Insel anzuschauen. Ich bin naß, mir ist kalt und ich möchte jetzt nichts lieber, als ein Bad!“

„Vielleicht finden wir ja einen kuscheligen Fluß mit Wasserfall für sie!“ spottete Mulder in seinem typischen Tonfall, während er das Boot an einem großen Felsen vertäute. „Sie könnten mir übrigens hiermit helfen!“

Reaktionsschnell fing Scully den Plastiksack auf. „Sie wollen tatsächlich auf dieser Insel zelten, nicht wahr?“

Er ging ohne eine Antwort an ihr vorbei und ergeben folgte sie ihm schließlich. Es brachte nichts, zu protestieren. Sie war nun einmal hier und wieder einmal zeigte es ihr, was sie davon hatte.

„Wir müssen einen geschützten Platz finden… und dann sollten wir als erstes nach Wasser suchen.“

Scully hielt sich schützend die Hände vor ihr Gesicht als die Zweige, die Mulder vor ihr beiseite schob, sie im Gesicht zu treffen drohten.

Ein leichtes Grummeln durchbrach die idyllischen Inselgeräusche. Na wunderbar, dachte die junge Frau bei sich, ein Gewitter und wir sitzen hier auf dieser verfluchten Insel fest!

Wie recht sie hatte, sollte sie erst viel später erfahren.

Drei Stunden später stand das Zelt unter einer Trauerweide neben einer alten Burgruine aufgebaut und zwei Schlafsäcke waren gemütlich darin ausgebreitet. Scully, die gerade versuchte, das Zelt etwas abzudichten, stöhnte auf, als Mulder hereinsah und sagte: „Kommen sie, Scully. Schauen sie sich diese Ruine einmal an!“

„Mulder!“

„Interessiert sie nicht, ob es wirklich Untote sind, die herumspuken?“

„Nein! Im Moment möchte ich eigentlich nur…“

Doch Mulder hörte ihr sowieso nicht zu, wie immer wenn er von einer Idee oder einem Fall nicht mehr losgelassen wurde. So ergab sich die junge Frau stumm leidend in ihr Schicksal und folgte dem Mann den kleinen Hügel zur Burg hinauf.

Das Gemäuer schien alt, aber nicht groß beschädigt. Bei genauerem hinsehen schien es sogar einmal eine Kirche gewesen zu sein. Dahinter lag ein kleiner, ebenso heruntergekommener Schuppen. Ein kleiner, aus Steinen gelegter Weg führte ins Dickicht und ließ auf weitere Gebäude schließen. Schweigend blickte Scully ihre Matsch verschmierten Pumps an, sagte aber nichts.

„Wollen sie mir nicht endlich erklären, was es mit dieser Insel auf sich hat?“

„Diese Insel gilt in ganz England als verflucht. Alle, die jemals einen Ausflug gewagt haben, sind verschwunden. Niemand hat diese Insel je wieder verlassen.“

„Wie beruhigend!“ Scullys trockener Tonfall brachte Mulder zum Schmunzeln.

„Interessiert es sie als Wissenschaftlerin denn gar nicht, was passiert sein könnte?“

„Ich als Wissenschaftlerin frage mich in erster Linie, wie zum Teufel sie es immer wieder schaffen, mich zu so etwas hier zu überreden!“

Sie hielt inne und ging in die Knie. „Dies hier sieht zumindest nach einem sehr menschlichen Fußabdruck aus!“ Sie zeigte auf den Abdruck in der weichen, schlammigen Erde, der einen nackten Fuß zeigte. „Und er ist noch ziemlich frisch!“

Sie zuckte zusammen als Mulder daraufhin laut ‚HALLO‘ in die Gegend rief. Das Echo schien von überall her zurück zu schallen.

„Himmel, Mulder!“ Schaudernd blickte sie sich um und zuckte die Schultern. „Ich bin dafür, daß wir zum Zelt zurückgehen. Es dämmert schon und in der Dunkelheit können wir sowieso nichts tun!“

„In der Dunkelheit wird es doch erst interessant!“ widersprach Mulder. „Geister… Dämonen… Zombies!“

„Wenn sie mir Angst machen wollen, muß ich sie enttäuschen. Auch, wenn ich in den acht Jahren viel gesehen habe… Aliens zum Beispiel… so bin ich doch niemals einem Ritter begegnet, der seinen Kopf unter dem Arm hatte! Der Glaube an Dämonen rührt von Horrorfilmen und Romanen her!“

„Warten sie, bis sie die Geschichte dieser Insel hören!“

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„Einst…“ Mulder lehnte sich gemütlich in seinem Schlafsack zurück und blickte Scully, die mit ihrem Schlafsack kämpfte amüsiert an. „…lebte auf dieser Insel ein Graf. Diese ganze Insel gehörte ihm und sie umfaßte außer ihm ungefähr zehn Einwohner. Nach und nach jedoch starben die Einwohner oder gingen aufs Festland, so daß eines Tages nur noch der Graf hier war. Er war jung und schön, trotzdem gab es kein Mädchen, das ihn auch nur ansehen wollte, denn er hatte ein Herz aus Stein!“

„Das hört sich an, wie der Anfang eines Märchens!“ murmelte Scully spöttisch und lehnte sich nun auch zurück. Sie hatte ihre Strickjacke ausgezogen und blickte gelangweilt an die Zeltdecke. „Lassen sie mich raten: er entführte ein Mädchen.“

„Fast. Es hieß, er habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, um geliebt zu werden. Als Preis jedoch mußte er die Mädchen, die ihn liebten, dem Teufel als Opfer bringen. Er nahm das Angebot an und erhielt so eine unsterbliche Seele. Monat für Monat besuchte der Graf nun das Festland für wenige Tage und kam jedesmal mit einer Horde Mädchen zurück. Was er mit ihnen tat, erfuhr niemals jemand. Aber keines der Mädchen kehrte je wieder zurück, geschweige denn hörte man je wieder etwas.

Eines Tages dann machte sich ein Priester, der von dieser Teufelei gehört hatte, auf den Weg zu dem Grafen. Auch den Priester sah man nicht wieder, es hieß jedoch, er habe den Grafen getötet.

Langsam geriet der Graf in Vergessenheit und die Insel wurde gemieden. Dann jedoch besuchte eines Tages ein junges Liebespaar die Insel. Der Mann kehrte alleine zurück und stammelte unter Schock etwas von einer schrecklichen Geistergestalt. Er wußte nicht, was mit seiner Freundin passiert war und alles lief darauf hinaus, daß er wegen Mordes angeklagt und gehängt wurde.“

„Das ist alles schön und gut!“ unterbrach Scully. „Aber das entspricht genau dem Schema einer typischen Geistergeschichte, die man in jedem Märchenbuch nachlesen kann!“

Wieder donnerte es draußen und ein paar Regentropfen fielen auf das Zeltdach.

„Es geht noch weiter!“ erklärte Mulder und drehte die Flamme der kleinen Petroleumlampe höher. „Eines Nachts, es war genau so eine Gewitternacht im Sommer, wie die heutige, konnte man über der Insel eine merkwürdige, riesige Erscheinung beobachten! Ein alter Mann aus einem kleinen Dorf am Wasser berichtete später darüber. Und am nächsten Morgen waren aus eben diesem Dorf alle Mädchen verschwunden.“

Ein lauter Donner ließ Scully zusammenschrecken und ein Blitz zuckte über sie hinweg und tauchte das Zelt für einen Moment in ein gespenstisches Licht.

„Das ist jetzt über 150 Jahre her. Und seitdem verschwinden in dieser Gegend immer wieder Mädchen. Wer die Insel betritt taucht ebenfalls nicht wieder auf!“ endete Mulder seinen Bericht. Wie versteinert blickte Scully ihn an, dann schüttelte sie das Unbehagen energisch von sich ab.

„Das ist doch alles nur eine Geistergeschichte! Sie wissen, wie kreativ gerade Engländer sind, was solche Geschichten angeht!“

„Sie müssen doch aber zugeben, daß die Fakten…“

„Fakten, Mulder? Alles was ich bis jetzt gehört habe, sind die abergläubischen Geschichten eines Volkes. Geschichten die im Laufe der Zeit sicher übertrieben wurden. Vielleicht verschwanden nur drei Mädchen aus einem Dorf in dem insgesamt zehn lebten. Drei Mädchen, die vielleicht in dieser Nacht davonliefen!“

Wieder donnerte es, und Scully zuckte merklich zusammen. Von irgendwoher hörte man eine Eule über den leichten Regen hinweg.

„Ich bin jetzt müde!“ Scully sah auf ihre Uhr. „Bis Mitternacht haben wir immerhin noch drei Stunden!“

„Na schön, schlafen wir etwas!“

Beide schwiegen und so waren nur noch die unheimlichen Geräusche der Nacht zu hören. Die Wellen, die irgendwo am Strand gegen die Klippen schlugen, das Donnern, unheimliches Gurgeln von irgendwoher.

Scully schloß die Augen, riß sie aber beim nächsten Donnern wieder auf. Waren das nicht Schritte, die sie im Hintergrund hörte? Warum war es bloß schon um neun Uhr so verdammt Dunkel? Sie rief sich energisch zur Ruhe. Mulder hatte ihr eine Geistergeschichte erzählt, aber sie würde nicht soweit gehen, dadurch in völlig irrationale Ängste zu verfallen. Vielleicht war irgend jemand auf dieser Insel, aber wenn, dann war es ein ganz normaler Mensch… nichts gespenstisches.

Sie wünschte insgeheim, sie hätte eine Waffe, aber seitdem sie nicht mehr beim FBI war… Selbst wenn es ein Mensch war, es war nie falsch, vorbereitet zu sein.

Plötzlich zuckte ein Blitz und Scully schrie entsetzt auf, als sie die Umrisse einer menschlichen Gestalt ausmachen konnte.

„Was?!?“ Mulder hatte sofort seine Waffe in der Hand und blickte sich um. „Was ist passiert?“

„Ich… ich habe etwas gesehen! Aber… es war sicher gar nichts…“ Hektisch strich sie eine Strähne ihrer Haare aus dem Gesicht, dann funkelte sie Mulder wütend an. „Sie haben mich ganz nervös mit ihren Geschichten gemacht!“

„Wenn es sie beruhigt, sehen sie doch draußen nach!“

Fassungslos sah sie ihn an. „Danke. Das ist so gentlemanlike von ihnen, daß sie mir den Vortritt lassen!“ Sie zog sich ihre Jacke über und kroch nach draußen. „Hallo?“

Mulder schmunzelte, als er hörte, daß ihre Stimme deutlich unsicher war. Aber er hatte auch ein schlechtes Gewissen. Immerhin regnete es und Scully sollte nicht alleine dort draußen herumlaufen. Er hatte sie nur etwas aufziehen wollen.

„Scully, warten sie! Ich gehe mit ihnen!“ Keine Antwort. Mulder zog sich seine Jacke über. „Scully?“

Er kroch nach draußen und stellte sich auf. Leere. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe etwas herum. „Scully, wo sind sie denn geblieben?“ Besorgt ging er in Richtung der alten Kirchenruine. Dort… er sah eine Gestalt herumschleichen. Er war gerade im Begriff, Scully anzusprechen als er stockte. Dies war nicht Scully. Zu groß und zu männlich gebaut für seine kleine ein Meter sechzig große Scully. Aber wer war es dann… und wo war Scully?

 

Dana Scully hatte sich tief in ihre Jacke eingegraben und ging mit verschränkten Armen wütend am Wald entlang. „Gehen sie doch raus und schauen sie nach…“ grummelte sie. „Es regnet ja auch nur… und es ist kalt. Und ich könnte jetzt gemütlich mit William zu hause sitzen!“ Am liebsten hätte sie ihre Taschenlampe in den Wald geschleudert, ihre Sachen gepackt und wäre wieder gefahren, doch sie wußte, daß das in diesem Sturm völlig unmöglich war. Die Chance, daß ihr Boot nicht kentern und sie ertrinken würde, war sehr gering.

Plötzlich hielt sie inne. Waren da nicht Schritte direkt vor ihr? Sie verharrte. Tatsächlich. Jemand ging vor ihr. Leise schlich sie den Schritten nach, die plötzlich verstummten. Auch Scully hielt inne. Bestimmt zwei Minuten verharrte sie bewegungslos, dann bewegte sie sich langsam weiter.

Plötzlich blendete sie von der Seite ein grelles Licht direkt ins Gesicht. Aufschreiend wich Scully, die Hände schützend vor den Augen um sie vor dem hellen Licht abzuschirmen, zurück. Sie war überrascht, daß auch die andere Person zu schreien schien. Dann hörte sie eine zaghafte Stimme.

„Agent Scully?“ Das Licht wurde dunkler und Scully blickte verdutzt auf die Person vor ihr.

„Agent Reyes… was zum Teufel tun sie denn hier? Sie haben mir einen Heidenschrecken eingejagt!“

„Sie mir auch! Haben sie Agent Doggett gesehen?“

„Ist der auch hier?“

„Ja! Nachdem sie Agent Doggett gesagt hatten, wo Mulder hinwollte, hat er mich angerufen, weil er wissen wollte, ob ich von dieser Insel schon jemals gehört hatte. Nun, und als ich davon erfuhr, und John meine Geschichte gehört hatte, hielten wir Beide es für das beste, sie so schnell wie möglich zurückzuholen. Wir haben sie leider am Flughafen ganz knapp verpaßt.“

„Zurückholen? Ja, aber wieso denn?“ Scully hauchte sich in ihre Hände um sich etwas zu wärmen.

„Diese Insel ist verflucht, Dana! Ich habe es bereits gewußt, und jetzt wo ich hier bin, spüre ich ganz deutlich die dunkle Macht, die von ihr ausgeht. Niemand sollte hier sein!“

Scully sparte sich den Kommentar über Flüche und lud die Frau statt dessen ein, zu ihrem Zelt mitzukommen.

„Hat Mulder ihnen die Geschichte erzählt?“

„Nun…“ Scully suchte nach einer passenden Wortwahl. „Mulder hat mir eine Geschichte erzählt. Aber wenn sie mich fragen, klingt sie zu unglaublich. Ein Dämon, der Frauen dem Teufel zum Opfer bringt!“

„Haben sie denn überhaupt keine Angst?“

Scully blickte die Agentin entgeistert an. „Monica, wir reden hier von einer Gruselgeschichte aus irgendeinem Märchenbuch!“

„Wie können sie da sicher sein? Immerhin sind in dieser Geschichte Frauen die Opfer! Macht ihnen das keine Angst?“

Scully wollte gerade antworten, als sie etwas weiter oben an der Kirchenmauer eine Gestalt stehen sahen.

„Hey!“ Scully hob die Hand um den Mann am weglaufen zu hindern. „Sir, bitte warten sie einen Moment!“ Der Mann bewegte sich nicht, sondern blickte die beiden Frauen verwirrt an.

„Dana, bitte! Wir sollten lieber zu…“

„Hier haben wir unseren geheimnisvollen Fremden!“ unterbrach Scully. „Und er sieht sehr menschlich aus!“

Das tat er tatsächlich. Beinahe zu menschlich. Der Mann war ungefähr Mitte bis Ende dreissig, sein Gesicht war zwar verschmutzt, aber deutlich waren die attraktiven Züge darunter zu erkennen. Im Stillen fragten sich beide Frauen gleichzeitig, wie der Mann wohl ohne diesen ganzen Dreck aussähe.

„Was habe ich getan?“ fragte er ruhig, als er die Waffe in Reyes Händen bemerkte.

„Oh, tut mir leid, ich wollte sie nicht erschrecken! Was tun sie hier?“

„Ich lebe hier!“

„Wo?“ fragte Scully mißtrauisch.

„In der alten Ruine! Normalerweise kommt niemand hierher und so störe ich niemanden!“

„Sie wohnen hier ganz alleine?“ Agent Reyes fühlte deutlich ihr Herz rasen, als sie in seine dunklen Augen blickte.

„Ja!“ antwortete er und Scully fühlte ähnlich wie ihre Partnerin neben ihr.

„Nun… dann…“ stammelte sie. „Sir, es tut uns leid! Wir… wir wollten sie nicht… ähm… haben sie vielleicht etwas merkwürdiges hier bemerkt? So etwas wie…“ Sie haderte mit sich, bis sie das Wort aussprach. „…Geistererscheinungen zum Beispiel?“

„Geistererscheinungen?“ Er lachte und sein Lachen war klar und tief. Es jagte den Frauen einen wohligen Schauer über den Rücken. „Die Ladys wollen mir doch nicht wirklich sagen, daß sie an Geister glauben, oder?“

„Scully!! Agent Reyes!“ Bei der entfernten Stimme Mulders drehten sich die beiden Frauen um.

„Wir sollten zurückgehen! Nun Sir, noch einmal entsch…“ Scully verstummte verwirrt. Der Mann war verschwunden. Sie und Monica Reyes wechselten einen verwirrten Blick.

„Vermutlich hat er sich schnell verkrümelt, als er die Stimme hörte, aus Angst, wir könnten ihn doch noch verhaften!“

Wenig später sahen sie in der Ferne zwei Zelte. Scully runzelte verwirrt die Stirn, erblickte dann aber Agent Doggett zusammen mit Mulder an einem Feuer stehen.

„Da sind sie ja! Wir haben uns schon Sorgen um sie gemacht!“ wurden die beiden von John Doggett begrüßt. Monica Reyes sah ihn vorwurfsvoll an.

„Sie haben es nötig, John! Was meinen sie, was ich mir für Sorgen gemacht haben, als sie plötzlich verschwunden waren!“

„Ich? Sie waren verschwunden? Ich bin immer dem Weg gefolgt!“

„Ich doch auch!“

Alle schwiegen bis Monica Reyes entschlossen anfing, die Sachen zu packen. „So, ich denke, wir sollten so schnell wie möglich von hier verschwinden!“

„Das ist unmöglich!“

„Es ist aber nötig!“ Als sie begann, eines der Zelte wieder abzubauen, hielt John sie zurück.

„Monica, wenn wir jetzt auch nur versuchen würden, das Festland zu erreichen, würden wir kentern! Haben sie sich den Sturm mal angeschaut, der über das Wasser tobt?“

„Wir sitzen hier fest!“ brachte die junge Frau tonlos hervor und Scully konnte den Schauer, den ihr diese Erkenntnis über den Rücken jagte, nicht erklären.

Mulder trat das kleine Feuer aus, zumal es sowieso wieder zu nieseln begann und nahm dann die Sachen, die noch draußen herumlagen.

„Ich bin dafür, daß wir nicht warten, bis wir naß werden.“

„Gute Idee!“

Scully und Reyes teilten sich eines der Zelte, das andere teilten sich die beiden Männer. Sie hatten die Zelte so aufgebaut, daß die Eingänge einander zugewandt waren, so daß sie nun relativ geschützt sitzen und sich trotzdem noch ansehen konnten.

„Ich habe übrigens unseren merkwürdigen Mitbewohner auf dieser Insel kennengelernt!“ sagte Scully beiläufig zu Mulder. „Und ich kann ihnen versichern, daß es sich dabei ganz und gar nicht um einen Geist handelt!“

„Was?“ Mulder wurde hellhörig und nahm dankbar einen heißen Kaffee von Monica entgegen.

„Ja!“ bestätigte diese. „Er ist ein einfacher Obdachloser, der in der alten Ruine Schutz gefunden hat!“

„Und…“ fuhr Scully fort und trank einen heißen Schluck Kaffee. „…er sagte, er habe noch niemals etwas von Geistererscheinungen auf dieser Insel gesehen!“

„Mmh…“ Mulder war skeptisch. „Diesen Menschen würde ich mir gerne einmal genauer ansehen! Hat er seinen Namen gesagt?“

„Nein.“

„Wie sah er denn aus?“

Die beiden Frauen seufzten gleichzeitig auf und Doggett blickte Mulder irritiert an. Dieser erwiderte den Blick ebenso verwirrt.

„Er war irgendwie…“

„…anders…!“ beendete Monica den Satz.

„Ja!“ bestätigte Scully. „Schmutzig zwar, aber doch gleichzeitig so attraktiv… ich habe mich gefragt, wie er wohl nach einem Bad aussieht!“

„Sie auch?“ Monica schmunzelte. „Ich glaube, für einen solchen Mann muß man schon Cindy Crawford sein!“

„Das reicht!“ Mulder machte Anstalten, das Zelt zu verlassen, doch Doggett hielt ihn, noch immer halb schmunzelnd auf.

„Was ist?“

„Das war kein Mensch! Es war der Dämon!“

„Was? Mulder, ich sage es nicht gerne, aber ich glaube, sie sind nicht nur paranoid was Aliens betrifft.“

„Verstehen sie nicht?“ Mulder setzte sich wieder um zu erklären. „Laut der Legende war der Dämon so schön, daß sich die Frauen in ihn verliebten! Das war die Falle!“

„Also bitte, Fox!“ John Doggett lachte auf. „Das ist das lächerlichste, was ich je aus ihrem Mund gehört habe, und das will verdammt noch mal etwas heißen!“

„Dieser Mann war alles, nur kein Dämon!“ bestätigte Monica.

„Ich will mich dessen lieber selber überzeugen!“ Mit diesen Worten verließ er das Zelt.

„Mulder!“ Doggett folgte ihm. „sie haben nicht einmal eine Waffe!“

Als Mulder ihm die Waffe zeigte, stöhnte er. „Ich wette, sie haben nicht mal einen Waffenschein dafür! Mulder! Wo wollen sie denn jetzt hin?“

„In die Kirchenruine! Ich will ihn sehen, diesen angeblichen Obdachlosen in seinem Reich!“

„Warten sie! Ich gehe mit ihnen!“ Er drehte sich zu seiner Partnerin um. „Ich bin gleich zurück. Sie beide bleiben am besten hier und rühren sich nicht vom Fleck! Ich muß bloß diesen Wahnsinnigen davon abhalten, Geisterjäger zu spielen und arme Obdachlose zu Tode zu erschrecken!“

Damit verschwand er. Scully und Reyes blieben alleine zurück, umgeben von dem Geräusch des Regens und des Gewitters.

„Also… ich weiß nicht wie es ihnen geht, aber ganz wohl ist mir nicht!“ gab Scully zu.

„Ich habe eine Waffe!“ Monica Reyes entsicherte sie und legte sie neben sich. „Ob er Recht haben könnte?“

„Mulder? Ich glaube nicht!“ Scully trank erneut einen Schluck Kaffee.

„Ich habe auch keine dunkle Macht um den Mann herum gefühlt!“

Wieder schwiegen sie. Als erneut eine Eule die Stille durchbracht, schloß Scully energisch den Zeltvorhang.

„Trotzdem hat diese Insel etwas unheimliches. Ich frage mich, warum ich nicht Zuhause geblieben bin!“

„Sie folgen ihm überall hin, nicht wahr?“

Scully seufzte. „Ja, ich glaube schon. Ich weiß nicht, wie er mich überzeugt, aber irgendwie schafft er es jedesmal.“

„Darf ich sie etwas fragen? Etwas persönliches?“

„Natürlich!“

„Ich habe bis jetzt immer nur Gerüchte gehört. Ist da tatsächlich etwas zwischen Mulder und ihnen?“

Scully mußte lachen. „Sagen sie nicht, das ist immer noch Gesprächsthema Nummer eins im Büro! Es gab eine Zeit, da wurden sogar Wetten abgeschlossen!“ Sie schwieg und nahm wieder einen Schluck Kaffee. „Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Wir lieben uns… und es gab auch schon gewisse Moment, in denen wir uns sehr Nahe waren, aber… ich glaube ein Paar sind wir nicht! Nun, Mulders Definition davon ist wahrscheinlich etwas anders als meine.“ Sie blickte Agent Reyes forschend an. „Was ist mit ihnen und Doggett?“

„John und ich?“ Monica lachte.

„Ja! Sie haben… nun, sie wissen schon. Da ist etwas zwischen ihnen.“

„Ja, vielleicht, aber sie müssen wissen, daß wir uns öfter streiten. John weigert sich, auch nur ansatzweise an das Paranormale zu glauben. Wir sind oft verschiedener Ansicht und ermitteln auf unterschiedlichen Wegen.“

„Aber sie mögen ihn?“

„Ja, ich mag ihn. Tatsächlich wollte ich eigentlich schon immer mit ihm zusammenarbeiten. Ich habe seine Arbeit bewundert, seine Art, gewisse Dinge anzupacken. Ich glaube, auf eine Art ergänzen wir uns, aber auf eine andere Art stehen wir einander im Wege!“

„Genau wie Mulder und ich am Anfang. Ich war nicht bereit zu glauben, und er war nicht bereit einzusehen, daß vielleicht nicht alles so paranormal ist, wie er glaubt! Dann haben wir beide Kompromisse geschlossen und heute glaube ich, daß mich niemand besser kennt als Mulder. Obwohl wir auch noch öfter streiten. Ich glaube, er provoziert gerne die Wissenschaftlerin in mir.“ Sie lächelte.

Monica Reyes fröstelte. „Langsam könnten die beiden aber auch mal zurückkommen! Ich habe nämlich keine Lust noch mal da raus zu gehen um sie zu suchen!“

Scully blickte auf ihre Uhr. „Sie sind schon zehn Minuten fort!“ In diesem Moment hörten sie Schritte. „Sehen sie, da sind sie schon wieder!“

 

Es dauerte nicht lange, bis Agent Doggett Mulder eingeholt hatte.

„Mulder! Jetzt bleiben sie stehen! Was zum Teufel noch mal haben sie denn jetzt vor?“

„Ich will diesen Herrn finden und ihm mir mal genauestens ansehen!“

Doggett riß den Mann zurück. „Das bringt doch nichts! Soll ich ihnen einmal etwas sagen! Ich glaube sie sind blind vor Eifersucht!“

Mulder riß sich los und zeigte in Richtung der Zelte. „Und sie sind blind vor Unglauben! Haben sie die beiden Frauen jemals derart euphorisch werden sehen? Sie haben geschwärmt wie Schulmädchen für einen Lehrer!“

„Ja und?“

„Vielleicht kennen sie ihre Partnerin nicht, aber ich kenne meine und ich weiß, daß Scully niemals so reden würde! Wenn Monica ihnen egal ist, Dana ist es mir nicht!“

Damit drehte er sich um und ging weiter.

„Na schön!“ Doggett folgte ihm. „Sehen wir nach! Aber wir werden den Mann nicht bedrohen, verstanden?“

Es dauerte nicht lange, bis sie einen Eingang in die Ruine gefunden hatten. Drinnen war es erstaunlich warm und trotz der nicht verglasten Fenster drang kein Luftzug ein.

„Hallo?“ rief Mulder und leuchtete mit seiner Taschenlampe in den riesigen Saal hinein. „Wer auch immer sie sind, kommen sie heraus! Wir werden ihnen nichts tun!“

Kein Geräusch drang zu ihnen. Nicht mal die Andeutung einer Bewegung. Langsam schwirrten sie durch den Saal und leuchteten zwischen die Steinbänke. Durch die Fenster hoch oben fiel das Licht ein, das die Blitze hervorriefen. Auf dem Podest stand weder ein Kreuz noch ein anderes christliches Symbol. Auch die heiligen Kirchenfiguren schienen entfernt worden zu sein. Als sie den Kirchensaal durchquert hatten, sahen sie sich gegenseitig an.

„Verdammt…“ stieß Mulder in einer plötzlichen Erkenntnis hervor und rannte den Weg zurück. „wir hätten die Frauen nicht alleine lassen dürfen! Es war eine Falle!“

 

„Sie?!?“ Scully drehte sich überrascht zu Reyes um, als der Obdachlose ins Zelt blickte.

„Nun, ich habe mich gefragt, wie es ihnen hier draußen wohl geht. Wo sind ihre Freunde geblieben?“

„Ehrlich gesagt… wir wissen es nicht!“ Scully zog sich wieder ihre Strickjacke über.

„Was halten sie davon, wenn sie mit in meinen Unterschlupf kommen! Es ist dort zwar nicht unbedingt ordentlich, aber immerhin trocken!“ Er deutete auf eine Ecke des Zeltes, an der der Regen bereits begann, hereinzulaufen.

„Ich weiß nicht…“ Monica Reyes sah Scully zweifelnd an. „John sagte, wir sollten hier warten! Sie werden uns suchen, wenn wir verschwunden sind!“

„Ich mache ihnen einen Vorschlag. Sie kommen mit und während sie sich trocknen, warte ich hier und bringe ihre Freunde nach… einverstanden? Sie sind ja völlig durchnäßt!“ Er strich Scully eine Haarsträhne zurück und diese Berührung machte sie ganz schwindelig.

„Na gut!“ sagte sie noch bevor ihr klar wurde was sie gesagt hatte.

„Dana… was, wenn Mulder doch Recht hatte?“

„Vorhin haben sie ihm nicht geglaubt!“ gab Scully zu bedenken und Reyes seufzte.

„Na schön… gehen wir!“

Sie verbarg ihre Waffe unter ihrem Pullover und verließ dann hinter Scully das Zelt.

„Kommen sie! Hier entlang!“ Der Mann führte sie um die Kirche herum und dann durch ein kleines verborgenes Tor in einen Hinterhof. Um sie herum befand sich nur Mauer. Der Boden war mit Pflastersteinen ausgelegt und in der Mitte war eine längliche Steinkiste eingearbeitet.

Die Erkenntnis traf Dana und Monica gleichzeitig.

„Das ist ein Sarg!“

Sie blieben abrupt stehen.

„Vielleicht sollte ich doch auf John warten und…“

„Kommen sie! Haben sie keine Angst!“ Er öffnete den Sargdeckel und hypnotisiert sahen die beiden Frauen zu, unfähig sich zu rühren.

„Dana… ich habe Angst!“

„Ich auch!“

„Bitteschön!“ Der Mann deutete auf eine Treppe, die tief hinab unter die Kirche führte. Die Frauen sahen ihn benommen an. Sein Gesicht war kalt und böse geworden, ja, seine Erscheinung hatte sich total verändert. Er sah nun tadellos sauber aus, nicht mehr Dreck verschmiert. Sein Körper wurde nun von einem prunkvollen Gewand bekleidet, nicht mehr von Lumpen.

„Darf ich bitten, meine Damen?“

„Oh Gott…“ stieß Dana hervor als sie automatisch auf den Sarg zuging.

Monica folgte ihr. „Ich will nicht…“ Sie versuchte, zu schreien, doch ihre Stimme versagte ihr. Willenlos gingen die beiden Frauen hinter dem Grafen die Treppe hinab. Alles was Monica schaffte, war im letzten Moment im Gras vor dem Sarg ihre Waffe aus dem Halfter zu lösen und sie fallen zu lassen…

 

„Scully! Scully?“ Mulder riß beide Zelte auf und fuhr dann zu Doggett herum. „Sie sind weg! Alle beide!“

„Sie werden nach uns suchen! Wir waren fast eine halbe Stunde fort!“

„Verdammt!“ Er packte den Mann am Kragen. „Warum weigern sie sich, das Offensichtliche anzunehmen? Es ist doch gar nicht mehr abzustreiten, was hier geschieht!“

„Mulder, wenn sie mich nicht sofort loslassen, bin ich versucht, sie wegen Unzurechnungsfähigkeit in Handschellen zu legen!“

Mulder ließ den Agent los und ging wieder auf die Kirche zu. „Sie sind dort drinnen! Und ich werde sie finden. Ich muß sie finden, bevor…“

„Bevor was?“

„Bevor er sie zu Sklavinnen des Teufels macht!“

„Sie sind ja verrückt!“ Doch Doggetts Tonfall war nicht mehr so überzeugt, wie er noch vor ein paar Minuten gewesen war. Ja, er mußte Mulder recht geben. Es war merkwürdig. Aber er weigerte sich einfach an so etwas wie Dämonen zu glauben, denn das setzte auch die Existenz von einem Teufel voraus.

„Wo gehen wir denn jetzt hin? Wir haben die Kirche doch schon durchsucht!“

„Vielleicht gibt es irgendwo Katakomben! In Kirchen gab es früher immer Katakomben, damit die Priester die Schätze und sich selbst in Sicherheit bringen konnten. Ich vermute, im Altar gibt es einen Zugang.“

„Wie denken sie denn, sollen die beiden Sklavinnen des Teufels werden?“

„Nun…“ stieß Mulder hervor. „Wenn man uralten Legenden trauen darf, holte sich der Teufel seine Opfer durch den Beischlaf.“

Doggett lachte auf. „Agent Mulder, bitte! Sie glauben nicht im Ernst, Agent Reyes würde…“

„Sie sind vielleicht hypnotisiert und können sich nicht wehren!“

„Na schön… wer bin ich, ihnen zu widersprechen?“

 

Wie in Trance nahm Scully die Gestalten um sie herum wahr. Sie befand sich in einem Palast oder zumindest etwas ähnlichem. Frauen hatten sie gewaschen und nun wurde sie neu eingekleidet. Sie versuchte, die Gesichter zu erkennen, doch die Frauen hatten keine. Sie mußte träumen. Es war auch soviel angenehmer, nicht nachzudenken.

Sie fühlte, wie ihre Arme mit einer merkwürdig riechenden Salbe eingerieben wurde. Aus einem Reflex heraus tastete sie nach ihrem Kreuz… es war verschwunden.

 

„Glauben sie immer noch, daß die beiden nur nach uns suchen?“

Mulders Frage war ernst gemeint und John Doggett wiegte die Waffe in seiner Hand. Sie gehörte Monica Reyes, seiner Kollegin und die Tatsache, daß sie wie weggeworfen neben einem alten Steinsarg lag, ließ seinen Optimismus bröckeln.

„Nun… vielleicht sollte man ihrer Theorie doch…“

„Wir haben keine Zeit zum reden. Helfen sie mir mal bitte!“

„Was haben sie denn vor?“ Aber Doggett half doch, die schwere Steinplatte vom Sarg zu schieben. Darunter befand sich nichts als eine leere Grube. Ob jemals jemand im Sarg gelegen hatte, war nicht auszumachen, etwas geheimnisvolles gab es hier jedoch nicht.

„Das verstehe ich nicht.“ Mulder ließ die Platte nun achtlos zur Seite fallen. „Ich hätte schwören können, die Waffe soll uns einen Weg weisen!“

„Vielleicht mußte sie die Waffe auch nur irgendwo wegwerfen, da sie eine Gefahr darstellte!“

„Wir haben es hier mit einem Dämon zu tun, John. Für Dämonen stellen einfache FBI Schußwaffen keine Gefahr dar! Nein, ich glaube, Agent Reyes hat diese Waffe hier fallenlassen um uns zu helfen, eine Spur zu finden.“

„Kann ich ihnen helfen?“

Wie auf Kommando fuhren die beiden Agenten herum. Vor ihnen stand eine umwerfend schöne junge Frau, nur mit einem Nachthemd bekleidet, die eine Kerze zum leuchten in der Hand hielt. Doggett wollte einen Schritt auf die Frau zumachen, doch Mulder hielt ihn zurück.

„Nein… sie ist ein Dämon!“

In Anbetracht der Umstände hielt Doggett es für richtiger, nicht zu widersprechen.

„Hören sie! Ich weiß, wer sie sind! Ich will sofort wissen, was sie mit dem beiden Frauen gemacht haben!“

„Frauen? Ich verstehe nicht! Ich wohne hier!“

„Wo wohnen sie?“ fragte Doggett nun, der immer noch die Möglichkeit sah, daß Mulder vielleicht was diese Frau betraf, doch im Unrecht war.

„Unten im Dorf!“

„Und sie kommen im Nachthemd hier herauf! Bei Regen und Gewitter! Natürlich! Machen sie das jeden abend?“ Mulders Tonfall war sarkastisch.

„Die Herren halten mich vielleicht für verrückt, aber… ich gehe gerne hier oben spazieren. Nun… eigentlich war ich hier um… um mich mit jemandem zu treffen! Einem Mann, der hier lebt. Er wohnt hier noch nicht lange, aber gleich als wir uns zum ersten Mal gesehen haben…“ Sie verstummte verlegen. Doggett trat nun doch vor.

„Ein Obdachloser? Gutaussehend?“

„Ja, genau! Haben sie ihn gesehen?“

„Mmh… ja…“ sagte Doggett und zog Mulder beiseite. „Es tut mir leid, wenn wir sie erschreckt haben! Bitte entschuldigen sie uns kurz!“

„Was soll denn das?“ fragte Mulder leise, als sie in einer Ecke etwas entfernt standen.

„Mulder, diese Frau kam mir verdammt menschlich vor… und ihre Geschichte auch! Vielleicht sind Agent Reyes und Scully in dieses Dorf gegangen um Schutz vor dem Regen zu finden!“

Wortlos hielt Mulder ihm die Waffe hin. „Und dabei wirft Agent Reyes aus Spaß ihre Waffe weg?“

„Ich gebe zu, die Sache mit der Waffe ist etwas mysteriös… aber vielleicht habe ich mich geirrt, und es ist gar nicht ihre!“

„Es ist eine FBI Waffe!“

Kurze Zeit sahen sie sich einfach nur an, jeder versucht, den anderen zu überzeugen. Dann räusperte sich Doggett.

„Hören sie, Mulder! Warum gehen wir nicht mit dem Mädchen ins Dorf und sehen nach ob die Beiden dort sind?“

„Weil wir, wenn sie es nicht sind, zuviel Zeit verlieren!“

„Wenn sie aber dort sind, verschwenden wir hier unsere Zeit!“

„Na schön!“ Mulder nickte. „Wenn es ihr Gewissen beruhigt, gehen sie ins Dorf! Ich bleibe hier und suche nach den Beiden. Wenn sie sie im Dorf finden, können sie ja jemanden schicken, der mir Bescheid sagt!“

„Sie sind ein Sturkopf, Mulder. Aber schön! Wenn sie weiter sinnlos im Regen herumlaufen möchten!“

Er drehte sich um und ging zu dem Mädchen. Mulder sah düster zu, wie er dem Mädchen etwas erklärte, welches daraufhin eifrig nickte. Er hatte das Gefühl, daß etwas nicht mit ihr stimmte.

„Also, ich gehe jetzt!“ Doggett sah Mulder noch einmal an. „Möchten sie nicht doch mitkommen?“

Mulder reagierte überhaupt nicht, für Doggett Antwort genug.

„Na schön, aber dann nehmen sie die hier wenigstens… nur für den Notfall. Ich habe meine eigene!“ Damit überreichte er Mulder Agent Reyes Waffe. Mulder überprüfte, ob sie geladen war und sah Doggett dann an.

„Ich komme bald nach, wenn ich hier alles überprüft habe!“

„Na gut! Bis nachher!“

Mulder bewegte sich erst wieder, als Doggett und die Frau verschwunden waren. Vielleicht hatten sie einen Fehler gemacht. Möglicherweise hatte man es darauf abgesehen, sie zu trennen, damit jeder für sich alleine schwach war. Im Moment jedoch war es ihm egal. Er mußte Scully finden, und wenn es sein Leben kostete. Er hatte sie in diese schreckliche Situation gebracht und würde sie da auch wieder herausholen.

 

Monica Reyes fühlte die Kälte um sich herum. Selbst von dem kleinen Kaminfeuer, das in ihrem Zimmer flackerte, ging keine Wärme aus. Es war, als hätte das Böse sein Netz wie eine spinne um sie gewebt, und sie mit seinem Gift betäubt, so daß sie unfähig war, sich zu befreien. Und je mehr sie es versuchte, desto mehr verhedderte sie sich.

Sie schloß die Augen und wippte leicht mit ihrem Oberkörper vor und zurück. Jahrelang hatte sie Meditationsübungen gemacht. Es mußte ihr einfach gelingen, den Bann zu lösen. Wie sie es gelernt hatte, zog sie sich in die imaginäre Pyramide zurück, schloß ihre Umwelt aus diesem Magischen Feld aus und konzentrierte sich ganz auf sich und ihr inneres. Sie spürte, wie das Schwindelgefühl verschwand. Ihre Gedanken verflossen nicht mehr ungeordnet, so bald sie aufgekommen waren. Sie war wieder fähig, eine Erinnerung zu rufen und sie zu halten. Doch sie fürchtete, daß dies sich, sobald sie die Augen öffnete, wieder ändern würde. Also hielt sie die Augen noch geschlossen. Die Luft um sie herum wurde langsam wärmer. Es war, als würde die kalte Aura abgestoßen werden und sich zurückziehen.

Plötzlich kam ihr die Umgebung verändert vor. Sie begann zu frieren, diesmal war aber ein natürliches Phänomen der Grund. Verwirrt öffnete sie die Augen. Sie saß in einem düsteren Zimmer eines alten Hauses. Das Zimmer mußte unter dem Dach liegen, denn von oben regnete es rein und feuchter Wind wehte durch das Fenster und ließ sie frösteln. Das Feuer war verschwunden. Ebenso das schön bezogene Bett und die Kommode. Sie sah an sich herunter. Warum trug sie nur ihre Unterwäsche?

Sie versuchte, sich zu erinnern, wo ihre Kleidung war, aber alles was sie wußte, war, daß Mädchen sie gebadet und umgezogen hatten.

Also verließ sie das Zimmer erst einmal, und ging vorsichtig die morsche Treppe nach unten. Sie durchsuchte die Zimmer. Ihre Kleidung blieb zwar spurlos verschwunden, aber sie fand eine Wolldecke, die zwar fürchterlich stank, da sie schon sehr lange hier zu liegen schien, ihr jedoch zunächst Schutz vor der Kälte geben würde.

Sie mußte zu den Zelten zurück und… Dana. Wo war Dana geblieben? Monica Reyes lief aus dem Haus. Kalter Regen peitschte ihr ins Gesicht.

„DANA!“ Ihr war, als würden ihre Worte von dem Regen zurückgeworfen und hätten daher überhaupt keine Kraft. „DAAANAAA!“

Sie wunderte sich, wo sie war. In der Dunkelheit konnte sie weitere Häuser ausmachen. Sie begann darauf zuzulaufen. Auf ihre nackten Füße achtete sie dabei kaum.

„DANA?“ Sie stieß die Tür zum ersten Haus auf, doch es war leer. „Antworten sie mir, Dana!“

Verloren stand sie auf dem schlammigen Boden und sah sich um. Es half nichts. Bevor sie nach Dana Scully suchen konnte, mußte sie sich etwas richtiges Anziehen, und vor allem ihre Waffe wiederfinden! Doch in welcher Richtung lagen die Zelte?

Sie begann in die Richtung zu laufen, die leicht bergauf führte. Zwischendurch rief sie immer wieder nach Scully, in der Hoffnung, daß sie vielleicht irgendwoher eine Antwort bekäme. Die bekam sie auch… jedoch nicht von Scully.

„Monica?“

Monica Reyes wäre beinahe in Tränen ausgebrochen vor Glück als sie John auf sich zulaufen sah.

„Oh Gott, John… ich bin so froh sie zu sehen!“

„Um Himmels Willen, Monica! Was ist denn passiert? Wie sehen sie aus?“

Die Frau sah kurz an sich herunter und mußte wirklich zugeben, daß sie erbärmlich aussah in der grauen, teilweise, wie sie jetzt bemerkte, schimmeligen Wolldecke mit den nackten Füßen, dazu total durchnäßt.

„John…“ sie packte ihren Partner bei den Schultern. „Hören sie mir zu. Hier geht etwas sehr merkwürdiges vor sich! Agent Scully ist verschwunden, und ich kann sie nicht mehr finden… meine Kleider auch nicht und… und ich weiß nicht einmal, wie ich hierher gekommen bin! Wo ist Mulder?“

„Er sucht nach Scully und ihnen… genau wie ich!“

„Gut! Wir müssen so schnell wie möglich hier weg!“

„Jetzt beruhigen sie sich erst einmal! Sie zittern ja! Sie müssen sich erst einmal aufwärmen. Kommen sie mit. Abygail wird ihnen Tee machen und in der Zeit…“

„Was?!? Wer ist Abygail?“

John deutete auf das Mädchen neben sich. Monica Reyes blickte auf den leeren Platz auf den er deutete. Dann wurde sie ganz ruhig.

„John… neben ihnen steht niemand!“

Er lachte. „Wie können sie das sagen? Abygail steht doch direkt neben mir! Sie sind ja völlig durcheinander!“

Er legte den Arm um sie und wollte sie mitziehen, doch sie riß sich los.

„John! Es ist eine Falle! Sie haben sie also auch schon! Dies ist eine verfluchte Geisterinsel!“ Sie schloß die Augen und atmete tief ein. Sie mußte sich beruhigen und ihm erklären, was vor sich ging. Auch, wenn er ihr nicht sofort glauben würde, so würde er sich vielleicht wenigstens dazu überreden lassen, mit ihr zu gehen.

Sie öffnete die Augen wieder, um ihm den Vorschlag zu machen, als sie erstarrte. Neben John stand ein Mädchen. Sie wandte sich zum Dorf um… in fast jeder Hütte brannte Licht. Und da war sie wieder… Kälte.

„Oh nein…“ Sie wich zurück. „Sie versuchen mich wieder zu bekommen… das sind alles nur Ruinen! Kommen sie mit mir, John! Bitte!“

„Sie müssen sich ausruhen!“ Er nahm ihre Hand. „Ich bitte sie. Sie werden sich eine Lungenentzündung holen!“

Doch Monica Reyes starrte immer noch hypnotisiert auf das Dorf. Dann machte sie sich los und wich zurück.

„Es tut mir leid… ich muß hier weg! Ich darf nicht zulassen, daß ich wieder unter ihren Bann falle! Aber ich hole sie hier raus John, das verspreche ich ihnen!“

Damit drehte sie sich um und stürmte in die Richtung, aus der John gekommen war. Sie verdrängte die immer näher kommende Konzentrationsschwäche. Sie mußte ein Bild in ihrer Erinnerung festhalten. Sie durfte es nicht loslassen. Und sie mußte Mulder finden. Er glaubte an die Geschichte dieser Insel und würde auch ihr glauben. Sie hoffte nur, daß er dem Bann noch nicht erlegen war.

 

Mulder hatte indessen einige interessante Dinge erlebt. Nachdem Agent Doggett und die geheimnisvolle Fremde verschwunden waren, sah er sich in der Umgebung der Kirche genau um. Im Wald fand er durch Zufall eine kleine Lichtung, auf der ein Galgen stand. Es schauderte ihn. Vor zweihundert Jahren mußte dieser Ort noch Mittelpunkt der kleinen Gemeinde gewesen sein, an dem Ketzer und Rebellen gehängt wurden.

Er wollte sich gerade umdrehen, als ein Blitz die Nacht durchzuckte. Und plötzlich baumelte an dem Strich eine Leiche. Die Augen schrecklich weit aufgerissen, ins Leere starrend. Mit einem Aufschrei sprang Mulder zurück, stolperte aber über eine Wurzel und fiel hin.

Der Mann am Galgen trug die Uniform eines Priesters. Sollte er…?

Sein Entsetzen steigerte sich, als die Leiche den Mund öffnete, und mit düsterer, leicht blechern klingender Stimme zu reden begann.

„Fürchte dich nicht, mein Sohn! Tritt näher!“

Mulder kannte die Legende. Der Priester war auf die Insel gekommen, um die Dämonen zu zerstören. Vielleicht konnte er ihm vertrauen… vielleicht aber auch nicht. In jedem Fall würde er vorsichtig sein.

„Was willst du?“

„Ich will dich warnen! Nichts auf dieser Insel ist… wie es scheint.“ Er stöhnte. „Ich… bin dem Bann erlegen und dazu verdammt, keine Ruhe zu finden.“

„Was bedeutet das? Nichts ist, wie es scheint? Und wo sind meine Partnerin und die andere Agentin?“

„Sie sind dem Bann erlegen… du mußt den Dämon dieser Insel vernichten! Dabei darfst du jedoch nicht in seinen Bann geraten!“

„Wie kann ich das tun?“

„Du kennst die Geschichte des Dämons, weißt wer er ist?“

Mulder nickte nur bestätigend.

„Dann weißt du, daß er wunderschön war, sein Herz jedoch kalt wie Stein. Der Teufel löschte diesen kalten Ausdruck aus seinem Gesicht. Doch wenn der Teufel etwas löscht, so tut er das nur im Auge des Betrachters. Gegen Spiegel ist er machtlos! Diese ganze Welt hier existiert nur im Auge des Betrachters. In einem Spiegel gesehen bricht sie zusammen.“

„also… wenn der Dämon sich im Spiegel ansieht, dann bricht der Fluch?“

„Nein, nicht der Fluch an sich. Die Person, die sich selbst in einem Spiegel sieht, wird erlöst. Deswegen gibt es hier nirgendwo auf der Insel einen Spiegel. Den Fluch zu brechen ist weit schwieriger. Es ist unmöglich!“

„Sag es mir, vielleicht schaffe ich es!“

„Du wirst dabei zugrunde gehen… aber wenn du es unbedingt willst. Irgendwo auf dieser Insel ist das Tagebuch des Grafen versteckt. Darin steht sein voller Geburtsname. Wenn du einen Dämon bei seinem vollständigen Namen nennst, so hast du die Macht über ihn… das ist der… einzige Weg.“

Der Mann stöhnte, und die toten Augen quollen ihm beinahe aus dem Kopf. „Erst, wenn der Dämon vernichtet ist, werde ich Ruhe bei dem Herrn finden können.“

Wieder blitzte es, und dann lag der Galgen verlassen da wie zuvor. Erst jetzt spürte Mulder, daß seine Kleidung durch den feuchten Boden durchweicht wurde. Er sprang auf und klopfte sich ab. Hatte er eben gerade wirklich gesehen, was er glaubte gesehen zu haben? Oder war er auch Opfer dieser Insel geworden? Er spürte, daß der Regen etwas nachließ und verließ den Wald wieder. Es machte ja nichts, wenn er nach diesem geheimnisvollen Tagebuch zu suchen begann. Vielleicht fand er nichts, vielleicht stimmte es aber, was dieser Untote ihm erzählt hatte und er konnte dadurch die Insel von ihrem Bann befreien. Über ihm grollte der Himmel unheilvoll.

Als er sich der Kirche näherte, stockte er. Dort brannte Feuer! Das mußte ungefähr der Platz sein, an dem die Zelte standen. Er begann zu laufen so schnell er konnte. Und dann sah er sie.

„Agent Reyes!“

Die Frau am Feuer fuhr herum. Sie war gerade dabei, sich eine Hose anzuziehen. Ihre Haare hatte sie zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden.

„Mulder!“ Sie sprang auf und umarmte ihn stürmisch. Mulder blieb perplex stehen und rührte sich nicht.

„Entschuldigung!“ schluchzte die Agentin und löste sich von ihm. Sie wischte hastig die Tränen ab, die ungewollt über ihre Wange liefen.

„Was ist passiert?“ fragte Mulder nun besorgt.

„Ich… ich habe gedacht, ich wäre ganz alleine. Ich dachte, sie wären alle… in ihrem Bann!“

„In wessen Bann? Und warum sehen sie so…“ Er konnte sich gerade noch davor bewahren, heruntergekommen zu sagen. Das wäre wohl in ihrem momentanen Gemütszustand nicht unbedingt das Aufbauendste. „…schlecht aus?“ rettete er den Satz.

„Im Bann dieser Insel! Sie ist verflucht! Ich weiß nicht, wie, aber sie läßt Menschen Dinge sehen, die nicht da sind!“

„Wo ist Scully?“

Die Agentin senkte den Blick. „Ich weiß es nicht! Das letzte Mal, als ich sie sah, war am Sarg. Ich ließ meine Waffe fallen. Dann erinnere ich mich nur verschwommen!“

„Dann waren sie tatsächlich am Sarg?“

„Ja!“ nickte sie, woraufhin Mulder ihr ihre Waffe zurückgab.

„Hier! Wir haben dies gefunden, aber sonst keinen Hinweis darauf, wo sie geblieben sind.“

„Wir?“ fragte Monica mißtrauisch, in der Angst, daß Mulder auch unter dem Bann stand.

„Agent Doggett und ich. Doch dann ging er mit dieser Frau fort.“

„Dann haben Sie sie auch gesehen?“

„Ja!“ Mulder nickte. Agent Reyes drehte sich um.

„Dann stehen sie auch unter ihrem Bann! Diese Frau gehört zu ihnen!“

„Ich denke, es wäre an der Zeit, alles zu erzählen, Agent Reyes!“

Und dann erklärte sie, woran sie sich erinnerte. Das sie in den Sarg gestiegen waren und ab da alles verschwommen war. Wie gesichtslose Mädchen sie gebadet und dann neu eingekleidet hatten. Und dann war sie auf einmal in dem Zimmer gewesen. Nachdem sie ihren Bericht geendet hatte, hatte Mulder seinen typisch neutralen Gesichtsausdruck. Mittlerweile kannte sie ihn und wußte, daß er nachdachte.

„Das bedeutet, Scully und Agent Doggett sind irgendwo dort unten in diesem Dorf!“

„Ja!“ bestätigte Agent Reyes und deutete in Richtung des Sarges. „Und ich wette, der Dämon hat sein Reich in diesem unterirdischen Gang.“

Nun erzählte Mulder ihr, was ihm widerfahren war. Als er fertig war, waren sie beide zu einem Schluß gekommen.

„Das Tagebuch kann nur dort unten im Gang sein. Wenn es die Waffe ist, ihn zu vernichten, wird er es in seiner Nähe haben!“ sprach Reyes es aus und Mulder nickte. Entschlossen erhob er sich.

„Sie wollen dort doch nicht hinunter!“ Die Agentin sprang entsetzt auf. „Wir sollten Dana und John finden, und dann so schnell wie möglich verschwinden!“

Mulder drehte sich um und faßte sie an den Schultern. Dann sah er ihr ernst in die Augen. „Sie kennen die Geschichten, Monica. Sie wissen selber, daß niemals jemand von der Insel zurückkehrte. Glauben sie wirklich, er wird uns so einfach gehen lassen, wenn wir ihn nicht besiegen? Wir müssen die Chance nutzen, solange er uns noch nicht in seinem Bann hat. Wer weiß, wie lange das noch dauert!“ Der Blick, mit dem er sie ansah, enthielt die Frage, die er kurz darauf stellte. „Kommen sie mit mir?“

Sie schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Ich denke, ich sollte ins Dorf zurückgehen und versuchen, John und Dana dort raus zu holen.“

„Gut! Wenn sie die beiden haben, kommen sie zurück zu den Zelten! Dies ist unser Treffpunkt. Wenn ich in drei Stunden nicht zurück bin… versuchen sie die Insel so schnell wie nur irgend möglich zu verlassen!“

Reyes nickte. „Gut.“ Er wandte sich zum gehen, als sie ihn zurückrief. Sie wühlte in ihrer, dann in Scullys Tasche und fand in beiden, was sie suchte. Sie reichte Mulder Scullys kleinen Taschenspiegel.

„Wenn der Priester recht hatte, können sie dies hier vielleicht noch gebrauchen!“ Mulder nahm den kleinen Spiegel an sich und nickte ihr dankbar zu. Dann drehte er sich um und verschwand in der Dunkelheit.

„Viel Glück!“ flüsterte Monica Reyes leise und fand sich wieder alleine. Alleine in einer Vorstufe der Hölle… die, das spürte sie, noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hatte.

 

„JOHN?“ Vorsichtig leuchtete Agent Reyes zwischen den Ruinen der Hütten hin und her. „Agent John Doggett!“ Sie lief um eine kleine Holzbarracke herum und betrat dann die nächste Hütte. Wie in vielen der Ruinen, die sie bereits gesehen hatte, regnete es auch hier rein. „John? Sind sie hier?“

Sie verdrängte die Stimmen, die wieder begannen, ihre Gedanken einzunehmen. Die Hütte war leer.

Mutlos lehnte sie sich gegen den Türrahmen und rieb sich ihre nassen Arme. Ihr war kalt und mittlerweile war sie in beinahe jeder Hütte gewesen. Nirgendwo konnte sie eine Spur finden, weder von John Doggett, noch von Dana Scully.

Dabei war sie sicher, daß sie in diesem Dorf sein mußten. Sie war schließlich auch hier gewesen! Als sie sich umdrehte, um zur nächsten Hütte zu gehen, stolperte sie über einen alten Backstein und fiel der Länge nach in den schlammigen Boden. Sie rappelte sich wieder auf und murmelte ein „Scheisse!“ vor sich hin. Es war sinnlos, den Schlamm abwischen zu wollen, sie verteilte ihn nur. So reinigte sie wenigstens ihre Taschenlampe und stieß dann, grober als beabsichtigt, die Tür zur nächsten Hütte auf.

„DANA!“ rief sie erleichtert aus, als sie die Frau vor dem leeren, kalten Kamin sitzen, und die Hände ausstrecken sah, als würde Feuer sie wärmen. „Dana!“ Sie faßte sie vorsichtig an der Schulter.

„Monica!“ Dana Scully erhob sich. Man sagte mir, daß auch sie hier gewesen wären, dann aber planlos geflohen seien!“

„Dana, sie müssen mit mir kommen!“

„Setzen sie sich!“ Dana Scully zog die Frau nach unten. „Sie haben Fieber!“

„Ich habe kein Fieber! Sie stehen unter einem magischen Bann und…“

„Sie brauchen Ruhe, Agent Reyes! Vermutlich haben sie sich in diesem Gewitter eine Erkältung zugezogen! Mary, würde es ihnen etwas ausmachen, dieser Frau eine Decke zu bringen?“

„Scully!“ Monica Reyes packte die Frau nun härter als diese es erwartet hatte. „Diese Hütte ist nichts als eine verlassene Ruine! Hier ist niemand! Hier war niemand seit 200 Jahren! Was sie sehen, sind Geistergestalten, die für sie nur sichtbar sind, weil sie unter dem Bann des Dämons dieser Insel stehen!“

„Also, wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, Mulder hätte gerade mit mir gesprochen! Monica, diese Menschen sind aus Fleisch und Blut wie wir!“

„Ich kann sie nicht sehen, Dana! Für mich ist diese Hütte eine leere Ruine!“

Scully sah die Agentin ernst an. „Mal angenommen, sie hätten Recht! Warum sollten diese Menschen uns dann helfen?“

„Um genau das zu erreichen, was sie ja schon beinahe erreicht haben! Sie wollen unsere Seelen! Bitte, kommen sie mit mir! Ich möchte ihnen helfen!“

„SIE brauchen Hilfe! Sie müssen sich ausruhen!“

„Scully, bitte!“

Nun erhob die Frau sich endlich und ging ein Stück vom Feuer fort, wobei die Wolldecke, die sie um den Körper trug, etwas verrutschte. Monica sah, daß sie nur Unterwäsche trug.

„Wo sind ihre Kleider?“

„Mary hat sie zum Trocknen aufgehängt. Ich habe statt dessen dieses Kleid hier bekommen! Ist es nicht schön?“

„Kommen sie!“ Monica wickelte die Decke fest um Scullys Körper und schob sie dann nach draußen. „Haben sie Agent Doggett gesehen?“

„Nein! Vielleicht sollten sie doch lieber…“

„Hören sie mir zu, Scully! Ganz egal, für wie verrückt sie mich halten! Sie und Agent Doggett… vielleicht auch Mulder… stehen unter dem Bann dieser Insel! Und das wird sie umbringen, wenn sie nicht so schnell wie möglich von hier fortgehen.“

„Wer, Monica sagt ihnen, daß sie nicht die einzige sind, die unter ihrem Bann stehen?“

Special Agent Monica Reyes stockte der Atem. Ja, wer eigentlich sagte ihr das? Wer garantierte ihr, daß sie nicht in Wirklichkeit die einzige war, die unter einem Bann stand? Vielleicht waren gar nicht die anderen die Opfer, sondern sie selber, weil sie so sehr an diesen Fluch glaubte!

Da waren sie wieder… die Stimmen in ihrem Kopf. Und plötzlich war das Dorf wieder voller Leben. Nein, das konnte nicht sein. Es mußte Ruinen sein!

„Kommen sie, Monica! Sie müssen sich aufwärmen!“

„Nein…“ Doch ihr Protest war nur schwach. Vielleicht hatte Scully recht. Vielleicht war sie die ganze Zeit auf dem falschen Weg gewesen! Aber welches war nun der richtige Weg? Einer von beiden stand unter dem Bann… war es nun Scully oder sie selber? Oder waren sie es jetzt vielleicht beide wieder?

 

Fox Mulder hatte das begangen, was in Washington Grabschändung genannt werden würde. Er hatte den Steinsarg mit größten Mühen weggeschoben, dabei allerdings war an der einen Seite etwas abgebrochen. Kurz: Das Grab war zerstört, doch das machte ihm nicht das mindeste. Er hatte gefunden, was er suchte, nämlich die kleine Steintreppe unter der steinernen Ruhestätte. Er konnte nur die ersten drei Stufen sehen, denn danach erwartete ihn gähnende Schwärze.

„Na schön!“ sagte er ermutigend zu sich selber und stieg dann herab. Er leuchtete mit der kleinen Schlüsselanhänger-Taschenlampe, die er zufällig bei sich trug, etwas herum. Vor ihm lag ein langer, schwarzer Gang. Er hob einen kleinen weißen Stein vom Boden auf, den er als Kreideersatz benutzen würde, nur für den Fall, daß dieser Gang Abzweigungen enthielt. Dann ging er langsam weiter… und je weiter er ging, desto deutlicher begann er Stimmen zu hören, die sich in seinen Kopf pflanzten.

 

Monica blickte die junge Mary mißtrauisch an. Sie war eine hübsche junge Frau, vielleicht Ende zwanzig und trug altmodische Gewänder. Gerade schob sie ihr mit einem freundlichen, aber schüchternen Lächeln eine Tasse mit heißem Tee vor die Nase.

Dana Scully nickte ihr ermunternd zu. Monica trank einen Schluck, und während sie trank, pikte sie auf einmal etwas Hartes aus ihrer Hosentasche. Verwirrt griff sie danach und fühlte ihren kleinen Handspiegel. Natürlich… hatte Mulder nicht gesagt, die Person, die sich selber in einem Spiegel sieht, würde erlöst? Vorsichtig, damit Mary es nicht bemerkte, zog sie den kleinen Spiegel aus der Tasche und klappte ihn auf. Dann blickte sie sich an und durch den Spiegel ihre Umgebung. Sie sah eine Ruine, durch die es hereinregnete, die Wolldecke, die sie umhüllte, war vermodert und zerrissen, der Tee nichts mehr als Schlamm in einer alten Tasse mit einem Sprung. Und dann erhob sie sich, ging zu Scully und hielt ihr den Spiegel vor die Nase.

„Sehen sie das, Dana? Sehen sie sich und sehen sie, wo sie sind?“

Die Frau stockte, griff nach dem Spiegel und starrte hinein, als könne sie es nicht fassen.

„Oh mein Gott!“

„Mary!“ Monica Reyes sah auf die junge Frau und reichte ihr dann den Spiegel. Die Augen des Mädchens waren in grenzenlosem Entsetzen aufgerissen, dann löste sich ein gellender Schrei aus ihrer Kehle. Und dann wurde sie zu dem, was sie war, was sie im Spiegel gesehen hatte. Ihr Körper, so wie er dort stand, verweste, ihre Haare fielen aus und die Haut begann sich aufzulösen. Zurück blieb nichts als ein Skelett und ein grinsender Totenschädel. Dann plötzlich saßen sie wieder in der Ruine.

Scully sah entsetzt auf den Haufen Knochen, dann blickte sie an sich herunter.

„Mein Gott, wie sehe ich aus?“

„Glauben sie mir jetzt? Auf dieser Insel ist nur real, was man im Spiegel sieht!“

Monica wickelte Scully in die Decke und legte dann einen Arm um ihre Schulter um sie zu wärmen. „Wissen sie, wo sie ihre Kleider ausgezogen haben?“

„Nein… ich… ein paar Mädchen waren da und… ich kann das einfach nicht glauben!“

„Ich weiß! Es ist auch unglaublich! Wir müssen John und Fox finden! John steht vermutlich auch noch unter dem Bann. Und Mulder…“ Sie stockte.

„Was ist mit ihm?“ fragte Dana Scully erschrocken und blickte die Agentin fordernd an.

„Er versucht, den Fluch dieser Insel zu brechen.“

Während sie zurück zu den Zelten gingen, erklärte Monica ihr alles. Als sie geendet hatte, sah Dana sie ernst an.

„Vielleicht sollten sie dann lieber zurück und nach John suchen!“

„Aber Dana…“

„Nein! Sie haben mich befreit, aber was ist mit ihm! Wir wissen nicht, was passiert, wenn jemand zu lange unter dem Bann steht!“

„Sind sie sicher, daß sie alleine zurechtkommen?“

„Ja! Gehen sie, Agent Reyes!“

Monica nickte. „Gut! Aber bleiben sie bei den Zelten! Gehen sie nicht fort von dort, egal, wer sie bittet, mitzukommen, verstanden?“

Dana Scully nickte, und dann trennten sich ihre Wege.

Monica Reyes lief so schnell wie möglich ins Dorf zurück. Sie betrat das einzige Haus, in dem sie noch nicht gewesen war, doch es war leer. Verdammt, dachte sie. Er muß doch hier irgendwo sein!

„JOHN!“ rief sie wieder so laut wie möglich, dann sah sie, als sie den Hügel hinter dem Haus hinab blickte, ein Licht. Waren dort noch mehr Häuser? Sie folgte dem kleinen Trampelpfad, der sie zu einer alten Mühle führte. „John?“ fragte sie als sie die Tür aufstieß und da sah sie ihn. Er saß an einem alten Tisch und zielte mit seiner Waffe auf sie. Als er sie erkannte, ließ er sie erleichtert sinken.

„Monica!“ Er sprang auf, zog sie rein und schloß die Tür schnell. „Kommen sie rein. Sie hatten recht! Mit allem! Diese Insel ist verflucht!“

Monica sah ihn verwirrt an und blickte sich dann um. Eine alte Öllampe brannte und von kam das Licht, das sie gesehen hatte.

„Woher… ich meine…“

„Wie ich darauf komme? Nun, sie wissen doch, daß ich mir die Akten angesehen habe… die Akten der Menschen, die auf dieser Insel verschwunden sind. Ein junger Mann machte vor 55 Jahren einen Ausflug hierher und kam nie wieder. Es war ein Foto dabei! Ich habe ihn gesehen!!! Da dämmerte mir schon etwas. Und dann habe ich es ausprobiert! Ich habe mit meiner Waffe auf eine alte Öllampe geschossen! Die Kugel hat sie getroffen, aber es war, als würde sie hindurchgehen!“

Monica zog den Spiegel aus der Tasche und ließ ihn hinein sehen. „Ich wollte nur sicher gehen, daß sie wirklich der sind, der sie zu sein scheinen!“

„Was???“

In kurzen Sätzen erklärte sie ihm, was Mulder herausgefunden hatte, und was geschehen war. Nachdem sie geendet hatte, sah er sie ernst an. Bei ihm war jetzt kein Zeichen mehr davon zu entdecken, daß er ihr nicht glauben würde.

„Das bedeutet, Mulder ist jetzt in Gefahr! Wir müssen ihm folgen! Sehen sie, was ich gefunden habe!“

Er zog ein kleines, stümperhaft gebundenes Buch aus der Jackentasche. Es sah bereits sehr alt aus. Agent Reyes nahm es vorsichtig und schlug es auf. Auf der ersten Seite stand „Memories of Duke William John Forkham III“.

„Das Tagebuch!“ hauchte sie und blickte langsam zu John auf. „aber das bedeutet ja… wenn es hier ist…“

„…kann Mulder es nicht finden!“ endete John. „Und das bedeutet, das wir ihm schnellstens helfen müssen!“

„Wo haben sie das Buch gefunden?“

„Es war eigentlich mehr Zufall! Ich habe nach einer Lampe gesucht und wühlte oben auf dem Speicher. Dabei entdeckte ich unter einem Teppich einen kleinen Hohlraum, in dem wertvolle Vasen und dieses Buch lagen. Ich nahm das Buch an mich, weil ich dachte, es könnte vielleicht irgendwelche Aufschlüsse darüber geben, was hier los ist!“

Sie lächelte ihn strahlend an und sprang dann auf. „Worauf warten wir noch? Helfen wir Mulder!“

 

Dana Scully richtete sich in aller Eile wieder her und suchte dann in ihrer Tasche nach etwas, was sie vielleicht zur Verteidigung benutzen konnte. Da sie nichts außer Kleidung fand, nahm sie ihre Taschenlampe und entschied dann, daß sie nach Mulder suchen würde. Vielleicht konnte sie ihm helfen.

„Dana?“

Dana Scully schrie auf, als neben den Zelten aus den Buschen eine Gestalt auftauchte.

„Um Himmels willen, John! Warum schleichen sie sich denn so an?“

„Ich habe mich nicht angeschlichen! Ich bin den kleinen Pfad hier herausgekommen!“ verteidigte er sich. Scully sah ihn misstrauisch an.

„Wo ist Monica?“

„Wer?“

„Monica Reyes, ihre Partnerin!“

Er schüttelte abwehrend den Kopf. „Ich weiß, wer Monica ist! Warum sollte sie bei mir sein?“

Dana wich einige Schritte zurück. „Sie sind nicht Doggett!“

„Dana, ich schwöre ihnen, ich weiß nicht mal wovon sie reden! Ich war unten im Dorf bei den Menschen. Aber als dann niemand von ihnen kam, habe ich mich auf den Weg gemacht um sie lieber selber zu suchen! Ich dachte, ihnen wäre etwas passiert!“

„Sie waren im Dorf?“

„Ja!“

„Da gibt es aber niemanden! Das Dorf ist eine Geisterstadt! Die Häuser sind Ruinen!“

„Also… vielleicht waren sie in einem anderen Dorf als ich, aber…“

„John! Sie stehen unter deren Einfluss! Das habe ich auch getan, aber Monica hat mich befreit!“

John Doggett sah die aufgebrachte Frau lange an, dann nickte er langsam.

„Schön, nehmen wir einmal an, sie hätten recht. Dann sollten wir jetzt möglichst schnell Fox und Monica finden und von hier verschwinden!“

„Wenn sie aus dem Dorf kamen, müssten sie Monica gesehen haben! Sie war im Dorf und hat sie gesucht!“ Dana sah ihn nachdenklich an. „Ich verstehe das nicht.“

„Vielleicht haben wir uns knapp verpasst!“

„Ja, vielleicht!“ sie sah auf die Taschenlampe. „Also… ich wollte jetzt Mulder suchen gehen. Kommen sie mit?“

„Was ist mit Monica?“

„Ich glaube, sie kann auf sich selbst aufpassen! Das hoffe ich wenigstens!“

John nickte und zusammen gingen sie in Richtung Sarg.

 

Monica und John waren den Pfad zum Dorf zurückgegangen. Alles war dunkel. Sie sahen kein Zeichen von wieder aufkommenden Illusionen.

„Monica! John!“

„Dana!“ Monica blickte auf die Gestalt, die ins Dorf gelaufen kam. Ihr folgte Fox Mulder. „Was ist denn passiert? Wie kommen sie hierher?“

„Fox hat den Dämon besiegt! Wir müssen hier verschwinden! Hier fliegt gleich alles in die Luft!“ Dana war beinahe hysterisch.

„Dann los!“ bestätigte John und Monica sah den Hügel hinauf in den Wald.

„Was ist mit unseren Zelten und den anderen Sachen!“

„Sie werden sie nicht mehr brauchen, wenn sie jetzt nicht sofort anfangen zu rennen!“ schrie Fox sie an und da begriff sie. Sie setzten sich in Bewegung und stolperten den Weg zurück zur Mühle. Monica sah Fox Mulder nachdenklich an. Wie hatte er es geschafft, den Dämon zu besiegen? Er hatte doch das Tagebuch nicht gehabt! Sicher, er wußte eine Menge über das Paranormale und hatte vielleicht einen anderen Weg gefunden. Sie würde ihn bei Gelegenheit danach fragen.

Sie war so in Gedanken vertieft, daß sie nicht auf den Weg geachtet hatte und nun stolperte. Im letzten Moment konnte John sie festhalten und sie davor bewahren, den ganzen Abhang hinunterzupurzeln.

„Sie müssen aufpassen, wohin sie laufen!“

Wenig später hatten sie die Mühle erreicht und schlitterten dann mehr als sie liefen die weiteren Abhänge hinab bis zur Küste.

„Wo ist das Boot? Das Boot ist weg!“ schrie Dana panisch und Fox deutete mit einem gefluchten ‚Scheisse‘ auf einen Punkt draußen auf dem Meer. „Da ist es!“ Er wandte sich an John. „Wo ist ihr Boot?“

„Auf der anderen Seite der Insel!“

„Das schaffen wir nicht mehr!“ Kaum hatte Monica dies festgestellt, als ein schreckliches Getöse losging. Sie hatten kaum noch Zeit, zu realisieren, was dort passierte. Monica hatte das Gefühl, als würde die ganze Welt um sie herum auseinanderfliegen. Sie fühlte, wie sie zur Seite gerissen wurde, dann einen unglaublichen Schmerz in ihrem Rücken. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als würde ihre Wirbelsäule auseinandergerissen, dann versank ihr Bewusstsein in einer erlösenden Schwärze.

 

„Mulder?“ Scully leuchtete in den dunklen Gang, während John stirnrunzelnd die Reste des Sarges begutachtete. Als Scully die Treppe hinabsteigen wollte, schlug er Protest.

„Lassen sie mich vorgehen!“

Dana seufzte, war aber nicht zu einer Diskussion aufgelegt und überließ ihm den Vortritt. John hielt seine Waffe schussbereit vor sich während Dana ihm den Weg leuchtete.

„FOX?“ Das Echo von Johns Schrei hallte unheimlich in den Gängen wider, aber es kam keine Antwort. Langsam folgten die Beiden dem Gang bis zu einer Abbiegung.

„Na toll!“ fluchte John, Dana jedoch leuchtete auf einen schwachen weissen Pfeil an der Wand.

„Da! Ein Pfeil der in Richtung Ausgang weist! Ich bin sicher, den hat Fox gemacht! Wenn wir den Pfeilen in umgekehrter Richtung folgen…“

„Na hoffen wir, daß sie Recht haben!“ murmelte John und trat dann in den Gang mit dem Pfeil. Sie gingen eine ganze Weile in dem düsteren Gang, folgten den Abzweigungen mit den Pfeilen und betraten schließlich eine größere Höhle.

„Fox!“ Dana lief an John vorbei auf die Person zu, die in der Mitte der Höhle lag. Er hatte eine blutige Kopfwunde und begann jetzt zu stöhnen, als er eine Stimme hörte. Dana Scully betastete die Wunde vorsichtig. „Fox?“ Sie strich sanft über seine Wange als er die Augen aufschlug. „Tut ihnen etwas weh?“

„Mein Kopf!“ murmelte er, während Scully ihr Taschentuch auf seine Wunde presste.

„Sie werden vermutlich noch ein paar Tage Kopfschmerzen haben, aber sie können beruhigt sein. Es ist eine Platzwunde. Was ist denn passiert?“

„Ich weiß es nicht mehr! Ich betrat diese Höhle und dann hat mir irgend jemand eins über den Schädel gezogen. Uh…“ Er verzog das Gesicht, als Dana die Wunde abtupfte.

„Können sie laufen?“

„Ich kann es versuchen!“

„Kennen sie sich in diesem Höhlensystem schon ein bißchen aus?“ warf John nun ein und Fox sah ihn sarkastisch an.

„Sicher! Ich habe bereits Pläne gezeichnet!“

„Bitte!“ Dana sah von einem zum anderen. „Die Lage ist ernst genug!“

„Ich bin einfach in die Richtung gegangen, von der ich dachte, daß die Stimmen immer lauter wurden.“ Antwortete Fox und hielt nun selber das Taschentuch auf seinen Kopf gepresst.

„Das klingt logisch, nur im Moment höre ich keine Stimmen!“

Alle schwiegen und lauschten. John hatte recht. Die Stimmen waren verschwunden.

„Was ist passiert?“ fragte Fox Mulder. „als ich vorhin diese Höhle betrat, habe ich sie so deutlich gehört, daß ich dachte, sie stünden genau hinter mir!“

„Was sagten sie?“

„Es waren Stimmen wie aus dem Alltag! Als wäre die ganze Höhle bewohnt!“

„Was ist mit dem Gang dort vorne?“

John deutete auf die andere Seite der Höhle, aus der ein Gang wieder herausführte.

„Dort war ich noch nicht.“

„Dann schlage ich vor, wir gehen dort weiter!“ Mit diesen Worten ging Dana auf den Gang zu. Die beiden Männer folgten ihr ohne Widerworte. Auf dem Weg erzählten sie Mulder, was bis jetzt vorgefallen war. Als sie geendet hatten, runzelte Mulder die Stirn.

„Monica ist also verschwunden? Das gefällt mir nicht. Das gefällt mir ganz und gar nicht.“

Bedrückt schweigend gingen sie den Gang weiter entlang, der noch immer kein Stück heller, dafür aber etwas breiter geworden war.

„Meinen sie… der Dämon könnte…“ begann John und Mulder ließ ihn gar nicht ausreden.

„Ich weiß es nicht. Ich hoffe, daß es nicht so ist.“

 

Monica Reyes schlug langsam die Augen auf. Sie wusste nicht, wo sie war, bis ihr alles wieder einfiel. Stöhnend richtete sie sich auf. Sie lag am Strand, umgeben von Trümmern und Felsbrocken. Etwa zehn Meter von ihr entfernt lag John, von den anderen beiden war keine Spur zu finden.

Ihr Kopf schmerzte und sie hatte das Gefühl, sich nicht richtig bewegen zu können.

„John…“ Mühsam krabbelte sie auf ihren Partner zu und rüttelte ihn dann vorsichtig. Wie erleichtert war sie, als sie von ihm ein Stöhnen vernahm und er dann langsam die Augen aufschlug. „Geht es ihnen gut?“

Ein gestöhntes „Mmh…“ war die Antwort. Monica stand auf und ging langsam auf die Steine zu. Wo waren Fox und Dana?

Sie schüttelte ihre Beine ein wenig, da sie sich anfühlten, als wären sie eingeschlafen. Es brachte jedoch nichts. Vielleicht hatte sie sich irgendwo einen Nerv eingeklemmt.

Doch das war jetzt ihre geringste Sorge. Als sie um die Felsen herumtrat, sah sie Fox und Dana… oder das, was von ihnen übrig war.

Sie merkte nicht mal, daß sie angefangen hatte zu schreien. Ihr eigener Schrei klang in ihrem Ohr Meilen entfernt und sie verstummte erst, als sie Johns Arme um sich fühlte. Er drehte sie zu sich und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Sie zitterte und ihre Lippen formten immer wieder das Wort „Nein“.

„Kommen sie!“ John zog sie sanft fort. „Setzen sie sich!“

„Sie waren doch nur vier Meter hinter uns!“ schluchzte sie, während die Tränen hemmungslos über ihre Wangen liefen. „Vier Meter!“

„Ich weiß, Monica, ich weiß!“ Er zog sie neben sich und wiegte sie leicht. Dann hob er ihren Kopf. Sie sah ihn einfach wie in Trance an, als sein Mund sich ihrem näherte.

 

John, Fox und Dana sahen ein schwaches Licht im Gang. Sie hatten zunächst angenommen, daß es sich um Tageslicht handelte, doch ein Blick auf die Uhr hatte das Gegenteil bewiesen. Je näher sie der Quelle kamen, desto mehr sahen sie, daß es sich um ein grünliches Licht handelte, das aus einer Höhle strahlte.

John betrat die Höhle zuerst.

„MONICA!“

Als Dana und Fox eintraten, wurde ihnen klar, warum niemand Monica Reyes hatte finden können. Sie lag bewegungslos auf einer Art Opferaltar. Ihre Augen waren offen und sie war gerade im Begriff, ein schreckliches Wesen zu küssen. Johns Schrei jedoch ließ das Wesen aufblicken.

„Habt ihr es also doch hierher geschafft!“

John wollte zum Altar laufen, doch er prallte wie von einer unsichtbaren Mauer zurück. Das Wesen lachte schauderhaft und wandte sich dann wieder Monica zu.

„Diese Frau ist ein Medium. Ihre geistigen Kräfte waren so stark, meinen für eine Zeit widerstehen zu können! Sie wird mir unglaublich fiel Energie geben, wenn ich mir ihre Seele einverleibt habe!“

„NEEEIN!“ schrien John, Fox und Dana im Chor, als sich das Wesen wieder zu der Frau hinabbeugte. Wütend schaute es auf und war im nächsten Moment bei John. Mit einem gewalten Satz warf es ihn an die Wand, wo er bewusstlos liegenblieb. Fox stellte sich schützend vor Dana, doch das Wesen trat zurück neben den Altar. In diesem Moment bemerkte Mulder in einer Ecke auf einer Art Sockel ein Buch.

„Holen sie sich das Buch!“ zischte er Dana zu.

„Was?“

„Das Buch! Ich werde ihn ablenken!“ Als sie gehen wollte, zog er sie zurück und drückte seinen Mund in einem leidenschaftlichen Kuss auf ihren. „Wenn wir das überstehen, werde ich sie nie wieder überreden irgendwo mit mir hinzugehen!“ versprach er und wandte sich dann dem Dämon zu. Dieser achtete jedoch gar nicht darauf, was Scully tat, sondern beugte sich über Monica. Sein Mund näherte sich ihrem und sie schlang bereitwillig die Arme um seinen Hals.

 

„Monica!“

Monica löste sich aus Johns Armen und drehte sich um. Vor ihr stand noch ein John Doggett. Sie erhob sich aus dem Sand und wischte ihre Tränen ab.

„Was…?“

„Monica, tun sie es nicht! Küssen sie ihn nicht!“

„Hören sie nicht auf ihn, Monica! Es ist der Dämon, er versucht sie wieder in seine Gewalt zu bringen!“

„Das ist nicht war! Er ist der Dämon! Indem er sie küßt, will er sich ihre Seele einverleiben! Kommen sie zu mir, Monica!“

Monica blickte zwischen den beiden identischen Männern hin und her.

„Monica, ich bitte sie! Lassen sie uns unser Boot suchen und nach Hause fahren! Dieser Dämon hat doch schon unsere Freunde getötet!“

Der Schmerz stieg wieder in der Frau auf und sie drehte sich zu Doggett herum.

„Das stimmt nicht! Fox und Dana sind nicht tot, Monica! Sie leben! Dies hier ist eine Illusion! Sie müssen sich dagegen wehren!“

Die beiden Männer sahen sich an und mit ihren Blicken hätten sie sich umbringen können.

„Er ist der Dämon, Monica! Er will sie davon abhalten, mit mir glücklich zu werden!“

Monica schüttelte nun den Kopf. „Nein!“ sagte sie schließlich. „Nein, ich dachte, Fox hätte den Dämon getötet und deshalb wäre die Insel explodiert! Wie kann er jetzt hier sein?“

„Nichts ist explodiert! Der Dämon ist nicht besiegt! Geben sie mir ihre Hand, Monica! Bitte! Helfen sie ihm nicht, stärker zu werden!“ als sie noch immer zögerte, seufzte er. „Hören sie! Ich weiß, ich bin der letzte, der normalerweise so etwas sagt, aber… vertrauen sie auf ihren sechsten Sinn. Ziehen sie die Möglichkeit in Betracht, daß sie in Wirklichkeit unter einem Bann stehen. Nichts hiervon ist real! Nicht einmal ich!“

„Wenn nichts real ist, warum ist dann in meinem Spiegel alles zu sehen?“

„Weil auch der Spiegel nicht real ist! Es ist ein Traum, Monica! Ein wirklicher Traum! In Wahrheit liegen sie auf einem Opferaltar!“

„Nein, das… das ist nicht wahr!“

„Ich bitte sie nicht, mir zu glauben! Ich bitte sie nur, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen und dann frei zu entscheiden! Welche Realität scheint für sie wahrscheinlicher! Die, daß Fox und Dana gerade um sie kämpfen oder die, daß der Dämon besiegt wurde?“

Monica schloß die Augen. Dann wandte sie sich zu einem der Männer.

„Wie konnte Fox den Dämon ohne das Tagebuch besiegen? Denn das hatten wir doch!!!“

„Das weiß ich nicht! Ich war die ganze Zeit mit ihnen zusammen!“

„Wann haben sie ihren Sohn zum letzten Mal gesehen?“

„Gestern, bevor ich auf diese Insel gekommen bin!“

Monicas Blick wurde kühl, dann schüttelte sie den Kopf. „Sie sind nicht John Doggett!“

Sie streckte ihre Hand nach der von dem richtigen John aus, doch als sie sie ergreifen wollte, war er verschwunden. Sie fuhr herum und auch der andere war verschwunden. Und dann wachte sie in einer Höhle auf und lag auf einem Altar.

 

„SCULLY!“

Dana, die das Buch gerade erreicht hatte fuhr herum, und sah, daß der Dämon sich wutentbrannt auf John stürzte, der noch immer bewußtlos war. Sie schlug das Buch auf und fand das, was sie suchte bereits auf der ersten Seite.

„Duke William John Forkham III!“ schrie sie und der Dämon hielt in der Bewegung inne. Mulder stürzte zu ihr.

„Schnell, hier muss noch etwas stehen. Irgendetwas!“

„Hier ist aber nichts! Nur ein Tagebuch!“

Mulder blätterte wie wild in dem Buch herum, dann plötzlich klappte er es zu und sah den Dämon an.

„Kehre zurück in die Hölle, und zwar für immer!“

Der Dämon schrie markerschütternd und löste sich dann in einem schauderhaften Schauspiel auf. Sein Körper explodierte förmlich und wurde dann zu Asche. Und dann stiegen aus der Asche weiße Gestalten auf. Sie hatten die Form von Menschen. Es waren Männer und sehr viele junge Frauen. Mit ausgestrekten Armen schwebten sie nach oben. Sie waren endlich von dem Dämon befreit.

Dana lehnte sich erleichtert an die Wand hinter sich, da, jetzt im nachhinein ihre Knie weich wurden.

„Woher wussten sie das?“

„Es gibt eine alte Legende, die besagt, daß man den Dämon bei seinem Namen nennen muss, um die Gewalt über ihn zu haben. Dann muss er deinem Befehl gehorchen! Die beste Möglichkeit um einen Dömon zu bannen und ich dachte, einen versuch wäre es wert!“ Er grinste sein typisches ‚Mulder-Grinsen‘.

Scully ging nun zu Doggett, der sich mittlerweile versuchte, zu erheben.

„Wie mir scheint, habe ich wohl das beste verpasst!“ murmelte er und hielt sich den Kopf.

Monica Reyes setzte sich nun langsam auf. Mit den Seelen, die den Dämon verlassen hatten, war auch ihre Kraft zurückgekehrt. Noch immer leicht benommen glitt sie vom Alter und taumelte leicht. John bemerkte sie als erstes und ging auf sie zu.

„Ich bin froh, daß es ihnen gutgeht.“

„Ja, danke… auch für ihre Hilfe!“

„Was meinen sie?“

„Naja, sie waren doch in meinem Traum und sagten…“ Sie verstummte, als ihr klar wurde, daß er offenbar überhaupt nicht wußte, wovon sie sprach. „Ist ja auch egal!“ winkte sie ab umarmte ihn. „Ich bin froh, daß ich noch hier bin!“ Und ehe er wusste, wie ihm geschah (im nachhinein glaubte sie, daß sie auch noch immer benommen gewesen war), legte sie ihre Lippen auf seine und küsste ihn sanft. Schnell wurde der Kuss inniger.

Mulder und Scully drehten sich diskret weg. „Würden sie mir mal bitte etwas verraten?“ fragte Mulder.

„Was denn? Wie die beiden das Skinner erklären wollen?“

„Nein! Wieso die nur ein Jahr brauchen, wenn wir acht gebraucht haben!“

Im ersten Moment war sie verblüfft. Dann fing sie so herzhaft an zu lachen, daß John und Monica sich voneinander lösten und sie verwirrt ansahen.

„Entschuldigung!“ prustete Scully und versuchte, sich zu beruhigen. „Wollen wir jetzt vielleicht zu unseren Zelten zurückkehren? Ich möchte nämlich wenn ich ehrlich bin, bei Morgengrauen nach Hause unter eine richtige Dusche!“

„Ja, das möchte ich auch!“ Monica schloß sich ihr an und die beiden verließen den Raum. John blieb verlegen mit Mulder zurück.

„Was ist? Kommen sie auch?“ Mulder sah ihn an. „Hey, soll ich ihnen einen Tip geben?“

„Was denn?“

„Erzählen sie es nicht unbedingt im FBI, dann haben sie ein schönes Leben! Und Skinner ist schon so gewöhnt an Beziehungen unter Kollegen, daß er bestimmt schon darauf wettet, daß sie etwas mit Monica haben! Also ist doch alles in Ordnung!“

John Doggett schmunzelte und Mulder klopfte ihm lachend auf die Schulter. Dann verließen auch sie die Höhle.

 

Montagmorgen, FBI Zentrale Washington D.C.

 

„Würden sie mir vielleicht erklären, was das für eine schwachsinnige Geschichte mit dieser Insel ist?“

Kersh schlug die Akte vor den beiden Agenten auf den Tisch. „Sie erwarten doch nicht im Ernst, daß ich ihnen das abkaufe!“

„Nein, Sir!“ antwortete Doggett. „Deswegen ist es ja auch eine X Akte!“

„Wollen sie sich über mich lustig machen?“ Die Stimme des Deputy Directors war jetzt bedrohlich ruhig. Nun mischte sich Monica Reyes ein.

„Mit Verlaub gesagt haben sie doch noch nie eine der Geschichten geglaubt! Wir können nur das aufschreiben, was wir tatsächlich gesehen haben!“

„‘Ein schrecklich aussehender Dämon, der sich Agent Reyes Seele bemächtigen wollte.‘ Soll ich das etwa ernst nehmen?“

Auf das bedrückte Schweigen hin, warf er Doggett die Akte vor die Nase. „Bis heute abend habe ich da etwas vernünftiges stehen, klar?“

„Ja, Sir!“ Damit waren die beiden Agenten entlassen.

„Was wirst du jetzt tun?“ fragte Monica und streifte unauffällig seine Hand mit ihrer.

„Ich? Ich werde mich ein bißchen als Autor betätigen!“ Er hielt die Akte hoch.

„Und was wirst du schreiben?“

„Das übliche: Wir fanden nichts außer einem Obdachlosen der in der Kirche ein Zuhause gefunden hatte.“

„Was hältst du davon, wenn ich uns einen Kaffee besorge?“

„Den kann ich jetzt gut gebrauchen!“ murmelte Doggett. „Und heute abend gehen wir Hotdogs essen. Einverstanden?“

Sie lachte. „Okay! Bis gleich!“

Und so hatte der normale FBI Alltag wieder begonnen.

Ende (31 Oktober 2002)